Dossier K.. Eine Ermittlung

Imre Kertész


"Gesteigertes Leben"

In "Dossier K." gibt Imre Kertész in Interviewform Auskunft über sein Werk und sein Leben.

Vermutlich ist Imre Kertész der am wenigsten umstrittene Literaturnobelpreisträger des letzten Jahrzehnts. Als der 1929 in Budapest geborene Schriftsteller den begehrten Preis 2002 zugesprochen bekam, war die literaturinteressierte Welt zufrieden: Kertész stand völlig außer Verdacht, die Auszeichnung aus politischen, moralischen oder sonstigen, letztendlich literaturexternen Gründen erhalten zu haben, und sein Werk, das in deutscher Übersetzung großteils in den Neunzigerjahren erschienen war, gehörte auch keineswegs einer fernen Ära versiegter Kreativität an. Mit dem "Roman eines Schicksallosen", an dem er von 1960 bis 1973 geschrieben hatte, dessen Manuskript zunächst abgelehnt worden, 1975 dann aber doch erschienen war (deutsch: 1995), hatte Kertész eines der wichtigsten literarischen Werke zu Auschwitz verfasst, wohin er 1944 als 15-jähriger Bub deportiert worden war.

Dass dem soeben erschienenen "Dossier K." große Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, ist also verständlich, eigenartig ist bloß der Auftritt des Buches, das so tut, als läge hier der jüngste Roman des Autors vor. Der Form nach ist "Dossier K." ein einziges Interview, und zwar eines, das - im Unterschied zu Wolf Haas' "Das Wetter vor 15 Jahren" - nicht schlechterdings Fiktion ist, sondern mehrere Tonbänder füllt. Es fand 2003 und 2004 zwischen Kertész und dessen Lektor Zoltán Hafner statt, und warum sich dessen Name nicht auf dem Umschlag des Buches findet, ist Indiz einer seltsamen Unschärfe, von der die ganze Publikation begleitet wird. "Dossier K.", das im Untertitel "Eine Ermittlung" heißt, sei das einzige seiner Bücher, das er "eher auf äußere Veranlassung als aus innerem Antrieb" geschrieben habe, "eine regelrechte Autobiografie", erklärt Kertész in einer "Vorbemerkung" und ergänzt: "Folgt man jedoch dem Vorschlag Nietzsches, der den Roman von den platonischen Dialogen herleitet, dann hat der Leser eigentlich einen Roman in der Hand."

Warum ausgerechnet ein Autor, der im besagten Gespräch die Existenz des "autobiografischen Romans" generell in Abrede stellt und eine strenge Trennung von Roman und Autobiografie postuliert, hier so wackelig, um nicht zu sagen hanebüchen argumentiert, bleibt unklar. Man würde doch ganz gerne einschätzen können, wie weit der Autor bei der schriftlichen Überarbeitung des Gesprächs ging und inwieweit diese die stillschweigende Aberkennung der Co-Autorenschaft Zoltán Hafners rechtfertigt.

Das alles ändert natürlich nichts daran, dass "Dossier K." ein interessantes und lesenswertes Buch ist, das für Kertész-Neulinge indes nicht als Einstieg empfohlen werden kann. Die Kenntnis des Werkes wird nachgerade vorausgesetzt ("Warum wir im weiteren nicht über 1956 sprechen müssen, ist nach deiner Erzählung ,Die Englische Flagge' völlig klar"), extensive Zitate sind als Kompensation mangelnder Werkkenntnis nur bedingt geeignet.

Das mitunter auch etwas manieriert anmutende Gespräch liefert immerhin biografische Backgroundinformationen (der geliebte Großvater väterlicherseits war ein assimilierter Jude, der seinen Namen, Klein, zu Kertész hungarisiert hatte) und besticht vor allem durch seine pointierten Aussagen zum Verhältnis von Realität und Fiktion sowie zum Themenkomplex "Auschwitz" ("Ich musste im Roman Auschwitz für mich neu erfinden und zum Leben bringen"). Kertész geht mit der "hemmungslosen Adaption des Wortes ,Holocaust'" ebenso scharf ins Gericht wie mit Adornos berühmtem Verdikt über die Unmöglichkeit von Lyrik nach Auschwitz, das als "moralische Stinkbombe" abgetan wird. Kertész' rigorose ästhetische Position, die "jede einmalige Geschichte" schlechterdings als Kitsch verwirft, zielt konsequenterweise darauf, "Auschwitz zu einer universalen menschlichen Erfahrung zu machen".

Dass Kertész die "Biegbarkeit der menschlichen Natur" nach seinen Erfahrungen in Lagern und Diktaturen für "unermesslich" hält, verwundert kaum. Etwas überraschend kommt hingegen ein anderes Eingeständnis: "Im Ganzen gesehen befinde ich mich eher auf der heiteren Seite. (...) Denn Schreiben kann man nur aus der Fülle der Energien, aus Lust; Schreiben (...) ist gesteigertes Leben."

Klaus Nüchtern in FALTER 49/2006



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