Der Brückenbauer. Hanns Koren und seine Zeit (1906-1985). Ein Porträt

Kurt Wimmer


Hut drauf!

Hanns Koren - die Bio, Hanns Koren - die Schau. Das dem steirischen Kulturpolitiker und Volkskundler gewidmete Bedenkjahr "Auszeit" neigt sich zu Ende. Mit welchem Erkenntnisgewinn?

Der Kulturpolitiker Hanns Koren ist nicht zu Unrecht als Erzherzog Johann des 20. Jahrhunderts bezeichnet worden", erfuhren kürzlich mehr als 500.000 Zuseher von Peter Wolfs ORF-Fernsehfilm "Von der Monarchie ins 3. Jahrtausend". Am 100. Geburtstag von Hanns Koren, tags darauf am 20. November, nannte Joanneum-Chef Peter Pakesch den Volkskundler und Politiker einen Anreger, der im österreichischen Kontext mit Bruno Kreisky oder Fred Sinowatz verglichen werden könne. Wenige Stunden zuvor war noch die Spitze der steirischen Volkspartei ins weststeirische St. Bartholomä gepilgert, hatte am Grab Korens, der zwischen 1957 und 1970 das Amt des Kulturlandesrates ausfüllte, einen Kranz niedergelegt und würdevoll fürs obligatorische Pressefoto posiert.

Große Vergleiche und Huldigungen prägten das Finale des Hanns-Koren-Bedenkjahres 2006, das mit dem 100. Geburtstag vergangene Woche seinen Höhepunkt überschritten hat. Zwar stehen noch zwei Filmpräsentationen bevor, aber ein Resümee über die von Sohn Johannes Koren und vom Landesbeamten Heimo Steps koordinierte "Auszeit" lässt sich bereits ziehen. Kurzum, vor allem der wetterbefleckte Mythos mit dem Steirerhute in der Hand feierte fröhliche Urständ'. Dabei gab's zuletzt auch Aufklärendes zur Vita des ÖVP-Politikers, auch komplexere Aufarbeitungen, die aber vor allem eines verdeutlichten: Der objektive Kern des Koren-Mythos trägt kaum ein eigenes "Bedenkjahr", reicht aber für manch punktuelle Würdigung eines Kulturpolitikers, der wohl nur in einem reaktionären Kontext als "liberal" gelten konnte. Insgesamt sagt das Phänomen Koren als Kulturpolitiker wohl mehr über eine damals kulturell rückständige Steiermark aus, kündet der aktuell verklärende Blick von einer seit geraumer Zeit schrumpfenden Kulturpolitik, die "normale" Kulturpolitiker bisweilen als Riesen erscheinen lässt. Ihn deshalb zum Superstar zu verklären, ist jedenfalls verfehlt. Denn während Koren selbst einen derartigen Mythos im Erzherzog-Johann-Gedenkjahr 1959 für sein Vorbild noch verfestigen konnte und dadurch auch zum "Erzherzog Johann des 20. Jahrhunderts" avancierte, fehlen 2006 bislang Anwärter für den "Hanns Koren des 21. Jahrhunderts".

Aber auch in anderen Feldern ist ein Koren-Hype 2006 für Nachgeborene nur schwer nachvollziehbar. Korens wissenschaftliche Beiträge etwa, denen das Grazer Volkskundemuseum die von Roswitha Orac C7-Stipperger kuratierte Sonderschau "Heimatsache" widmet. Koren war nach seiner Promotion 1932 mit Unterbrechungen bis zu seiner Emeritierung vom Institut für Volkskunde der Uni Graz auf dem Gebiet tätig und hatte auch das Museum von 1949 bis 1963 geleitet. Zu Korens wissenschaftlichen Meilensteinen zählen etwa gerätekundliche Arbeiten zu "Pflug und Arl". Die Arl ist eine Art symmetrischer Pflug, die Relevanz der Arl-Forschung im angehenden 21. Jahrhundert lässt sich durch das Fehlen des Vokabels in zeitgenössischen Wörterbüchern illustrieren. Als Vordenker taugt Koren, dessen theoretischer Diskurs irgendwo 1850 stecken geblieben war, kaum. Obwohl er - so liest man in der Ausstellung - den Menschen bereits als Einzelpersönlichkeit berücksichtige.

Das tut auch Kurt Wimmer, der in seiner Biografie "Der Brückenbauer" ausführlich die Einzelpersönlichkeit Korens behandelt. Der Ex-Chefredakteur der Kleinen Zeitung zeichnet dabei insbesondere den katholisch geprägten Weg Korens, verweist ausführlich auf Korens Kontakte zur Styria, vor allem zum Landeshauptmann der dreißiger Jahre und späteren Styria-Chef Karl Maria Stepan, legt aber auch einen Schwerpunkt auf Korens Kulturpolitik. Auch hier entsteht der Eindruck, dass die Koren-Suppe eher dünn ist, ein Umstand, den Wimmer gleich auf der ers-ten Seite durch ein Václav Havel-Zitat zu konterkarieren versucht. Insgesamt bleibt das Bild eines von einer katholischen Reformbewegung inspirierten Menschen, der im Unterschied zu seinen Brüdern ausnahmsweise kein Nazi war und als Kulturpolitiker nicht alles gleich verhinderte. Wodurch die Entstehung von Institutionen wie des Forum Stadtpark (1960), der Trigon-Ausstellungen (1963-1995) und des Steirischen Herbst (1968) möglich wurde. Andererseits illustriert Wimmer zwar deutlich Korens Verhältnis zu prominenten ehemaligen Nationalsozialisten, bleibt in der Bewertung hingegen äußerst sanft. Eine überschwängliche Lobesrede auf den Journalisten Manfred Jasser, den ehemaligen Hauptschriftleiter des steirischen NSDAP-Organs Tagespost, anlässlich der Verleihung des Ehrenzeichens für besondere Verdienste um die Republik 1969 kommentiert Wimmer grenzenlos euphemistisch: "Hier dürfte [Koren] das übliche Maß der Festschriftenhöflichkeit allzu großmütig überschritten haben."

Aber nicht nur Wimmer, auch das Bedenkjahr insgesamt hat eine kritische Aufarbeitung fragwürdiger VP-Annäherungen an ehemalige Nazis und ihre geistigen Nachfolger völlig ausgespart. Dabei ist das Thema, wie aktuelle Diskussionen über Ehrenzeichen an den Rechtsaußen-Unirat Gerhard Pendl zeigen, bis in die Ära Klasnic virulent geblieben. Und fundierte Kritik an diesem Verhältnis Korens zu "Ehemaligen", wie sie etwa der Historiker Hans-Dieter Binder (Falter 16/06) artikulierte, ließen "Auszeit"-Koordinator Heimo Steps wie den Helden eines Wolfgang-Bauer-Dramoletts auszucken und Binder als "obergescheiten Essigbrunzer" bezeichnen (Falter 18/06).

Er könne sich gut, erklärte SPÖ-Kulturlandesrat Kurt Flecker vor einem Jahr, eine szenische Darstellung jener Landtagssitzung vorstellen, wo ÖVP-Abgeordnete Koren heftig wegen des Steirischen Herbst kritisiert hatten. Im "Auszeit"-Programm gab's dafür keinen Platz, die Debatte ereignete sich dennoch, am Tag nach Korens Hunderstem: Die Grünen hatten die Streichung von Subventionen für "Aufsteirern" und die ORF-Übertragung von Frühschoppen gefordert und von allen anderen Landtagsparteien Prügel kassiert. "Ich warne vor einem Auseinanderdividieren von Volkskultur und Hochkultur", sagte Flecker. "Wir werden gerade im Gedenkjahr Koren die gute Kulturpolitik fortsetzen." Koren als Vorbild für Flecker. Wird der linke Kulturpolitiker gar noch zum "Wetterflecker"?

in FALTER 48/2006



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