Stücke

Klaus Händl, Helmut Schödel


Schokolade für Freunde

Für seinen grotesken Psychothriller "Dunkel lockende Welt" wurde der Österreicher Klaus Händl in Deutschland zum Dramatiker des Jahres gewählt. Anlässlich der Wien-Premiere des Stücks besuchte der "Falter" den Schriftsteller, Schauspieler, Filmemacher und Hobbykoch in seiner Schweizer Wahlheimat.

Klaus Händl ist, buchstäblich, ein entgegenkommender Mensch: Er holt einen persönlich vom Bahnhof ab und hat auch schon eine kleine Stadtführung geplant, die nur wenige Meter nach Verlassen des Terminals beginnt: Dort befindet sich nämlich der beste Maronistand der Stadt, und die lockere Konversation mit dem Verkäufer, die sich sofort entspinnt, weist Händl als Stammkunden aus; selbiges ist ganz offensichtlich auch in der Confiserie Progin der Fall, wo Händl 19 (in Worten: neunzehn) Tafeln Schokolade sowie ein Vanillecroissant für den Gast aus Wien kauft. Die Route ist so gewählt, dass sie auch gleich an einigen der schönsten Cafés und Lokale vorbeiführt, mit denen die gut 50.000 Einwohner zählende zweisprachige Stadt offenbar reich gesegnet ist - der französische Einfluss, wie Händl erklärt. Im Odeon, das mit seinen roten Textiltapeten und Plüschsesseln sowie den blutwurstfarbenen Kaffeehaustischchen just den richtigen Grad der Abgewohntheit diesseits von schäbig aufweist, werden wir erst später Station machen - auf einen Croque Monsieur. Dass die französische Variante des Schinkenkäsetoasts hier leicht bis mittelschwer verkokelt serviert wird, hat Händl, der im Odeon auch zu schreiben pflegt, nur das allererste Mal beanstandet; mittlerweile weiß er, dass just das leicht angebrandelte Aroma den Toast zum besten Croque Monsieur von Biel macht.

Händls Faible fürs Kulinarische war schon seiner Erstveröffentlichung, dem 1994 im Grazer Droschl Verlag erschienenen Prosaband "Legenden", zu entnehmen gewesen: "Fritz ging in die Küche, Renate folgte ihm, sie war erwacht. Sie liebte ihn. Gemeinsam machten sie eine gute Gemüsesuppe. Sie schmeckte sehr gut", heißt es da im pseudonaiven Tonfall; "ein Schluck vom Wein wärmt meine Glieder, und deine Semmel wird saftiger, wenn auch du davon trinkst" liest sich eine andere Stelle schon etwas weniger harmlos, und in der Legende "Der Sohn und das Madl" wird ein wahrhaft wüstes Rezept verraten: "Indessen buk der Bursch aus Wand und Tuchent wilde Kekse, nachtschwarz gerieten sie, und sie schrieen nach Milch."

Bereits auf dem Cover des gerade mal 88 Seiten umfassenden Debüts firmierte der Autor als Händl Klaus. Diese kokette Anspielung auf seine semiprovinzielle Herkunft - er wurde 1969 in Rum bei Innsbruck geboren - führt mitunter zu drolliger Distanzlosigkeit, wenn in Rezensionen ungewollt salopp vom Autor "Klaus" die Rede ist. Eigentlich hätten die "Legenden" zu einer Blitzkarriere führen müssen, und in gewisser Weise haben sie das ja auch: 1995 bekam Händl dafür nicht nur den Rauriser Literaturpreis, sondern auch gleich noch den Robert-Walser-Preis zugesprochen. Dass Händl seit zehn Jahren in Walsers Geburtsstadt Biel lebt, ist also durchaus konsequent. Weitere Werke wollten dem Workaholic indes nicht so einfach aus dem Ärmel rutschen. Erst 2001 wurde beim steirischen herbst "Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen" uraufgeführt und begründete Händls Karriere als Stückeschreiber, die mit "Wilde" (steirischer herbst 2003) und dem Anfang heurigen Jahres an den Münchner Kammerspielen uraufgeführten "Dunkel lockende Welt" noch einen kräftigen Schub erhielt: Beide Stücke wurden sowohl zum Berliner Theatertreffen als auch zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Für "Dunkel lockende Welt", das am 30. November im Kasino am Schwarzenbergplatz seine Österreich-Premiere erlebt, wählte die 38-köpfige Jury der Zeitschrift Theater heute Händl heuer zum Dramatiker des Jahres. Den Mülheimer Dramatikerpreis verpasste er übrigens nur knapp; dieser ging mit drei zu zwei Stimmen an René Pollesch (für dessen Volksbühnenproduktion "Cappuccetto Rosso"), was der auf Rang zwei Verwiesene mit der für ihn typischen unprätentiösen Bescheidenheit quittiert: "Das ist super, den René find ich eh besser als mich."

Es scheint, als habe der Erfolg keinen größeren Einfluss auf das Poetenleben des Wahlschweizers Händl, der auch eigensinnig darauf beharrt, dass der in der Druckfassung nur zwölf dicht beschriebene Seiten umfassende, für die Schauspieler Olivia Grigolli und Bruno Cathomas verfasste Doppelmonolog "Ich ersehne die Alpen" vielleicht sein bestes, in jedem Falle aber das ihm liebste Stück sei: "Es ist eigentlich das einzige, das ich wirklich mag - weil alles unverstellt dasteht. Das klingt jetzt wieder so pathetisch, aber ich wollte eine ungefilterte Sprache - ohne Schere im Kopf. Daran bin ich letztlich gescheitert und habe mich dann damit aus der Affäre gezogen, dass ich begonnen habe, mit dem Verschweigen zu arbeiten."

In der Tat kreist "Dunkel lockende Welt" mit einem geradezu boulevardesk-makabren Humor à la "Arsen und Spitzenhäubchen" um Tod, Mord und Begehren, ohne diese Themen je unmittelbar zu verhandeln. Das streng symmetrische Stück, das seine drei Personen, Joachim, Corinna und (deren Mutter) Mechthild in drei Akten nach dem Schema J+C/C+M/M+J kombiniert, weist als großen Abwesenden Corinnas Freund Marcel Tobler auf, der angeblich nach Peru gereist ist, vermutlich aber von seiner Geliebten ermordet wurde - jedenfalls hält ein kleiner Zeh, der vom Vermieter in der ansonsten penibel gereinigten Wohnung Corinnas gefunden wird, Handlung und Dialoge in Schwung. Während die Flügel dieses theatralischen Triptychons großteils aus ping-pong-artig wechselnden Sätzen und Satzfragmenten komponiert sind, ist Mechthild im zweiten Akt ein - nur gelegentlich von kurzen Fragen der Tochter unterbrochener - Monolog über die Photosynthese in den Mund gelegt, der höchste Anforderung an die Mnemotechnik der Darstellerin stellt. Eine Chuzpe? Händl verneint entschieden und begründet das sowohl wissenschaftlich als auch musikalisch: "Mich persönlich hat die Photosynthese richtiggehend erregt. Immerhin verdanken wir ihr unser Dasein. Diesem Vorgang kann man doch ein Viertelstündchen widmen! Außerdem ist der Monolog rhythmisiert, das erleichtert es auch noch. Libgart Schwarz (die in der Wiener Aufführung die Mechthild spielt, Anm. d. Red.) hat sich jedenfalls aufrichtig darauf gefreut."

Händl selbst, der die Matura "mit Hängen und Würgen" hinter sich brachte, hat sich unglaublich viel Arbeit angetan, um sein Gymnasiastentrauma - "alles Naturwissenschaftliche war ein Horror!" - aufzuarbeiten: "Ich wollte es einmal durchschauen und habe ein halbes Jahr an dem Scheißmonolog gearbeitet. Ich war einmal mit einem Biologen liiert, dem Roland, den habe ich wieder ausgegraben, damit er mich mit Sekundärliteratur versorgt."

Wenn Händl von der lichtzugewandten "Reizgerichtetheit" seiner Figuren erzählt, beschreibt er damit auch ein Stück weit sich selbst. Sollte der hypermobile Hansdampf, der in Wien und Berlin ebenfalls über Wohnungen verfügt, ein paar Wochen einigermaßen sesshaft bleiben, so hat das gewiss nichts mit Muße, sondern mit Arbeit zu tun. Vor kurzem drehte er 14 Wochen in Tirol an seinem Film "März" und wohnte währenddessen bei seiner Mutter. Und wenn er in Wien ist, bleibt ihm weder für Freunde, noch für Filmbesuche ausreichend Zeit; von den 23 Viennale-Karten, die er sich heuer gekauft hat, konnte er - mittlerweile mit dem Rohschnitt am eigenen Film beschäftigt - nur elf nutzen: "Der schönste war ,Sehnsucht' von Valeska Griesebach. Ein Geniestreich!", schwärmt Händl.

Über die physiologischen Grundlagen seiner freundlich-hysterischen Dauerenthusiasmiertheit würde man gern Näheres erfahren: Ob ein überdurchschnittlich hoher Serotoninspiegel oder der kindliche Sturz in die ganz, ganz große Kaffeekanne für die lichtzugewandte Reizgerichtetheit des begeisterungsfreudigen Schriftstellers verantwortlich ist, kann vorerst aber nur Spekulation bleiben. Fest steht, dass Händl nicht nur ein vielbeachteter Autor und ein leidenschaftlicher, derzeit zu seinem eigenen Bedauern unterbeschäftigter Schauspieler ("eine ,Tatort'-Folge habe ich gedreht, aber das wars auch schon"), sondern darüber hinaus auch noch ein Sozialgenie ist. Ständig fallen im Gespräch Namen von irgendwelchen "ganz großartigen" Theater-, Film-, Literatur-oder Musikmenschen, denen er "unglaublich viel" oder überhaupt gleich "alles" verdanke. Kein Wunder also, dass Händl ein begeisterter Teamarbeiter ist, seine Stücke den Schauspielern auf den Leib geschneidert sind: "Es ist eine Art halblautes Schreiben: Ich höre das mit meinem geistigen Ohr - mit den Stimmen der Leute, für die ich schreibe."

Nicht immer freilich haben es die Kollaborateure, die sich der Autor auserkoren hat, ganz leicht mit ihm. Komponist Lars Wittershagen drohte die Arbeit an einem gemeinsamen Singspiel schon hinzuschmeißen, nachdem er zwei andere Angebote abgelehnt hatte, Händl die versprochenen Liedtexte aber nicht und nicht lieferte. Regisseur Sebastian Nübling, der - wie Wittershagen und die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner - bereits seit der Grazer Aufführung von "Wilde" Teil des Händl'schen Dreamteams ist, rügte den Autor ebenfalls: "Der Lars hat Recht!" Händl selbst ist natürlich der Erste, das zuzugeben. Und mittlerweile sind die Unstimmigkeiten ja auch wieder allesamt bereinigt. Zum Glück, denn der Autor ist auf die Arbeit im Team angewiesen: "Ich liebe diesen Austausch. Von meinen Stücken gibt es ja keine erste, zweite oder dritte Version, sondern nur eine ständig im Fluss befindliche Fassung, die ich dem Regieteam zeige, damit es mir auch wieder auf die Sprünge hilft. Mit Muriel rede ich über Freuds Bedeutung für die Architektur oder Rem Koolhaas, mit Lars geh ich in Konzerte. Wir treffen uns, gehen spazieren - es ist halt Familienersatz."

So licht Händls Gemüt auch scheint, die Stoffe und Themen, derer er sich annimmt, sind es durchaus nicht. Sein Film "März", an dem er bereits vor sieben Jahren zu schreiben begonnen hat, greift einen düsteren Fall auf: Anfang der Neunzigerjahre hatten in einem Tiroler Dorf drei Freunde gemeinsam Selbstmord begangen. Klaus Händl befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade auf Besuch bei Freunden im Nachbarort und sieht das Motiv für den Suizid nicht einfach in den tristen dörflichen Umständen: "Ich glaub, die haben sehr wohl gewusst, dass es so was wie Wien oder München gibt - also ein Leben, das sie durchaus hätten packen können. Man kann ihre Tat also schon als ein großes Nein zum Dasein an sich lesen."

Angesprochen auf das katholische Milieu, das für die österreichische Gegenwartsliteratur auf oft sehr grausame Weise sehr fruchtbar wurde, bestätigt Händl, dass er selbstverständlich auch Ministrant gewesen sei: "Aber net lang. Ich habe mit zehn Jahren nämlich schon Theater gespielt - und das war einfach viel lässiger als ministrieren." Aber im heiligen Land Tirol sind selbst die schauspielerischen Ambitionen christlichen Ursprungs: Händl gab im Kripperlspiel einen Hirten. Fürs Theater entflammt hat ihn dann aber Olivia Grigolli, für die er später den Olivia-Part in "Ich ersehne die Alpen" schreiben sollte. Sie gab die Ophelia am Tiroler Landestheater, als sie noch in jenes Gymnasium ging, in dem auch - sieben Klassen unter ihr - Klaus Händl die Schulbank drückte: "Ich hab ihr mit weichen Knien mein Poesiealbum unter die Nase gehalten und sie um ein ,Telegramm' gebeten."

Eines Tages klopfte der Schüler Händl beim Landestheater an und fragte: "Bitte, darf ich mitspielen?" Er durfte. Der Vater hingegen durfte auf keinen Fall davon wissen. Offiziell ging der kleine Händl Klaus also nicht auf die Probe, sondern in die Mathe-Nachhilfe. Und die Mutter deckte die knospende Karriere des Knaben: "Sie hat die Seiten mit den Theaterkritiken vorsorglich aus der Zeitung gezupft. Hätte mein Vater meinen Namen gelesen, hätte er einen Tobsuchtsanfall bekommen." Vielleicht hat Händl der Mutter in "Dunkel lockende Welt" ja aus Dankbarkeit den meisten Text gegeben. Sohnesliebe geht manchmal seltsame Wege: "Schäden der Zelle, osmotisch empfindlich, verhindert die Polykondensation, also zu Stärke. Das im Calvin-Zyklus gebildete Fructose-eins-sechs-biphosphat wird zu Fructose-sechs-phosphat dephosphoryliert, in Glucose-eins-phosphat umgewandelt und mit ATP in ADP-Glucose überführt."

Wortmaterial findet Händl überall. Der Keller seines einstöckigen Bieler Hauses ist vollgemüllt mit Säcken und Schachteln voll der berüchtigten Notizzettel, die mittlerweile ebenso zur Händl-Trademark gehören wie der vorgezogene Nachname. Das führt zu der paradoxen Situation, dass während des Gesprächs nicht nur der Interviewer, sondern auch der Interviewte mitschreibt. Man braucht sich auf seine Beiträge zu Händls Ruvre freilich nicht allzu viel einzubilden: Die Assoziationen, die der Autor stichwortartig notiert und auf seinen Zetteln mittels Codes gleich den verschiedenen Schreibprojekten zuordnet, haben nur auf sehr verschlungene Weise mit der laufenden Konversation zu tun.

Dennoch werden die Menschen, die in das Wirkungsfeld des Händl'schen Magnetismus geraten, ständig beschenkt. Und zwar nicht "nur" mit schöner Literatur, sondern ganz konventionell. Meist mit Süßem. Mit Schokolade aus Biel zum Beispiel. Die 19 Tafeln sind nämlich keineswegs für den eigenen Bedarf, sondern wollen in Mülheim verteilt werden, wo Händl dieser Tage eine Theateraufführung von Freunden besucht.

in FALTER 48/2006



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