Geliebte Liv

Iván Sándor


Das Leben klappert

Mit "Geliebte Liv" hat Iván Sándor einen Roman geschrieben, der die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts mit individuellen Geschichten verbinden möchte.

Wir sollten der Literatur nicht zu viel aufbürden: Aufgaben der Geschichtsschreibung zum Beispiel, politische Funktionen oder den Anspruch, moralische Instanz zu sein. Einerseits scheint das auch Iván Sándor zu wissen: Deswegen hat er mit "Geliebte Liv" nicht nur einen Roman über den Ungarnaufstand 1956 geschrieben, sondern die harten Fakten der Geschichte in das weiche Bett einer Liebesgeschichte gelegt, die nicht mit Liebesszenen geizt, wobei die Altherrenperspektive auf Sex mit jungen Kellnerinnen oder Schauspielerinnen nicht zu den Stärken des Buches zählt.

Andererseits scheint es der Autor auch nicht zu wissen: Vielleicht um den Charakter des Dokumentarischen und Historiografischen zu vermeiden, hat sich Sándor nicht auf den Oktober 1956 sowie seine unmittelbare Vor-und Nachgeschichte beschränkt. Das historische Spektrum reicht von der Verfolgung der ungarischen Juden ab 1943 über die Niederschlagung des Budapester Aufstands 1956, das Kriegsrecht in Polen 1981 und den Zusammenbruch des Sowjetblocks 1989 bis in die jüngste Vergangenheit. Damit stellt der Roman die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts als universellen Zusammenhang dar, in dem die Ereignisse wohl einzigartig waren, in dem aber für die Opfer und Zeugen dieser Ereignisse die Unterschiede verschwammen.

Der ehemalige Student Gábor hat den Ungarnaufstand miterlebt, sein bester Freund kam um. Er selbst musste das Land verlassen, über Frankreich gelangte er nach Algerien, wo er, der Überlebende von 1956, Jahre später von einer algerischen Bombe getötet wird. Man merkt diesem Roman das Bemühen um romanhafte Konstruktionen an: Im Mittelpunkt steht Zoltán, der Erzähler der Geschichte und zugleich Liebhaber der titelgebenden Liv. Zoltáns Vater war ein legendärer Regisseur, der 1944 Selbstmord beging. Vor seinem Tod hatte er noch das besetzte Warschau besucht, auf der Suche nach Spuren eines jungen, im Exil lebenden polnischen Schriftstellers - gemeint ist Witold Gombrowicz.

Zuerst in den Fünfzigerjahren, dann nochmals 1981 begibt sich Zoltáns Mutter auf die Spuren ihres Mannes, dessen Tod sie nie verwunden hat. Als Musikerin und Bartók-Interpretin ist sie Botschafterin eines anderen Ungarn. Waren es in den Vierzigern, als ihr Mann durch Warschau irrte, deutsche Panzer, so waren es im Dezember 1981 Ausnahmezustand und Kriegsrecht, die sich über alle privaten Geschichten der Figuren senken. Das Buch deutet also zahlreiche historische Analogien an, die von der Liebesgeschichte zwischen Zoltán und Liv zusammengehalten werden: sie draußen, in Paris und anderswo, er drinnen, im kommunistischen Budapest.

Wir sollten die Möglichkeiten der Literatur auch nicht unterschätzen. Anders als die Geschichtsschreibung ist sie an kein objektives Wahrheitsgebot gebunden. Ihr Privileg ist es, der großen politischen Geschichte Geschichten von Menschen gegenüberzustellen, die diese große Geschichte erleiden mussten. Im besten Falle erscheinen die Fakten in einem anderen, deutlicheren Licht, im schlechtesten Fall kommt weltanschaulicher Kitsch heraus, der nichts klarer macht, sondern die große Geschichte und das individuelle Leben in den Schleier existenzialistischer Vokabeln hüllt: "All dies habe ich auch im Leben meiner eigenen Stadt beobachten können, dass also die unvergesslichen Lichter der Städte und die Schatten der Existenz Begleiter derselben Vergänglichkeit sind."

Als Spiegel des Autors mag man den Schriftsteller Iván sehen, der im Café sitzt, seine Gedanken auf Servietten notiert und die Kellnerinnen taxiert. Er sagt zu Zoltán über das Ungarn nach der Wende: "Auf den Bänken liegen Obdachlose, überall kleine Kinder, bettelnde Zigeunerinnen, Bananenschalen, Spucke, Hundescheiße, sehr schön, das ist also daraus geworden." Das Wort "daraus" bleibt ein Mysterium: Ist der kommunistische Traum gemeint oder das kommunistische Trauma, ist Ungarn 1956 gemeint oder 1989? Zu viel hat der Autor seinem Roman aufgebürdet. Iván Sándor ist nicht der einzige ungarische Intellektuelle, der die Enttäuschung über den sozialen und moralischen Zustand nach 1989 thematisiert. Imre Kertész hat dies erst unlängst in seinem autobiografischen Buch "Dossier K." getan.

In Österreich erfüllte die Literatur in Hinblick auf das Verschweigen und Verdrängen der Nazizeit von Beginn der Sechziger bis in die Neunziger hinein eine wichtige politische Funktion. Nicht zufällig besucht eine der Figuren in Iván Sándors Buch die Premiere von Thomas Bernhards Skandalstück "Heldenplatz". Dabei hat sich die österreichische Literatur verschiedenster Mittel bedient, der Mythologisierung, der Skandalisierung, der maßlosen Übertreibung, der philosophischen Exegese und so fort.

Etwas von dieser ästhetischen Verfremdung der Geschichte fehlt Sándors Roman. Zu seinen Stärken zählt die Darstellung der unwirklich bleiernen Zeit des Kádár-Regimes, wenn deutlich wird, wie grotesk, desillusionierend, verlogen, theaterhaft das intellektuelle und künstlerische Leben abläuft. Sind wir Schauspieler oder gibt es uns wirklich, ist die Gretchenfrage in diesem Roman. Leider wird sie zu wortreich und zu oft gestellt.

"Geliebte Liv" ist zu professionell konstruiert, zu offensichtlich auf die Kreuzungspunkte von Privatem und Politischem hingeschrieben, als dass sich neue Einsichten ergeben würden. Zu viele Porträts von Nebenfiguren belasten den Rahmen zusätzlich. Was aber noch schwerer wiegt: Der Roman transportiert die Ideologie der abgeklärten Ideologielosigkeit. Im gekonnten Irgendwie, im Unbestimmten der Andeutungen auf Vergänglichkeit und Vergangenheit, auf unsere sogenannte Existenz verliert er seine Konturen. Seine Sentimentalität und sein melancholischer Gestus erscheinen schal angesichts der in diesen Wochen in Ungarn geführten Auseinandersetzung um Lüge, (historische) Wahrheit und Moral. "Eine Hymne an das Leben" sei "Geliebte Liv", meint der Klappentext. Nur: Das Leben klappert in diesem Roman, und auch die Geschichte.

Bernhard Fetz in FALTER 48/2006



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