Atlas der Globalisierung. Die neuen Daten und Fakten zur Lage der Welt

Le monde diplomatique


Aufklärer und Tyrann

Benjamin Franklin und Napoleon Bonaparte - zwei Biografien zeigen Männer mit grundverschiedener Auffassung von Politik.

Die beiden Männer, von denen hier die Rede ist, haben den Lauf der Geschichte verändert. Bei Napoleon Bonaparte bedarf das keiner Erklärung. Der andere, Benjamin Franklin, ist zwar dem Namen nach bekannt, sein Bildnis ziert die 100-Dollar-Note, allenfalls als Erfinder des Blitzableiters hat man ihn in Erinnerung. Als Mann der Aufklärung, als amerikanischen Revolutionär, als Diplomaten und Staatsmann kennt man ihn weit weniger gut. Edmund J. Morgan, emeritierter Historiker der Yale-Universität, zeichnet sein Bild Franklins weitgehend mit Hilfe von dessen eigenen Schriften. An diesen herrscht kein Mangel, es scheint sogar, als habe sich Franklin mündlich zurückgehalten und sich schriftlich weniger Zwang auferlegt. Ihm lag daran, in Leben und Politik stets die eigene Überlegenheit zurückzustellen.

Morgan schreibt keine lineare Biografie, er zeigt, wie die spezifische Tugendlehre des zehnten Sohns einer kinderreichen Familie von dessen politischer Tätigkeit nicht zu trennen ist. Für sich selbst zu sorgen, nicht von Ämtern zu leben, nicht fremdbestimmt zu existieren, das trieb Amerikaner wie Franklin an. Er begann als Buchdruckerlehrling, konnte sich an einer Druckerei beteiligen, erwies sich als so tüchtig, dass er sich mit fünfzig von seinen Beteiligungen an mehreren Druckereien trennte und fortan davon lebte.

Franklin war nicht von vornherein revolutionär, plädierte nicht für die amerikanische Unabhängigkeit. Was ihn empörte, war nur die Borniertheit der englischen Kolonialherren, die ihre Kolonien ausbeuteten, statt ihnen Selbsttätigkeit zuzugestehen. Sie richteten durch Sturheit ihr Empire zugrunde, das warf Franklin den Engländern vor. Erst als der Bruch nicht zu vermeiden war, stellte er sich auf die Seite der amerikanischen Revolution, die er später als deren Botschafter in Paris zu finanzieren half, mit französischen Krediten. Wo sind die Franklins der amerikanischen Gegenwart?

Franklin, der wache Unternehmer, witzige Publizist, geniale Naturwissenschaftler, unerschütterliche Diplomat und lebenskluge Bürger, ist so ziemlich das genaue Gegenbild Napoleon Bonapartes. Die Napoleon-Biografie von Johannes Willms, des Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung in Paris, hat den dreifachen Umfang der Schrift Morgans. Minutiös - und linear - zeichnet Willms Aufstieg und Fall Napoleons von den korsischen Anfängen bis zum Exil auf St. Helena nach. So monumental und detailreich das Werk ist (hervorragend die zahlreichen kartografischen Darstellungen der Schlachten), so wenig transparent wird der Grund, warum Napoleon die Massen, Freunde und Feinde derart zu faszinieren vermochte.

Allerdings arbeitet Willms präzise den Grund für die wahnwitzige militärische Expansion Napoleons heraus: Er hatte kein politisches Konzept. Politisch wie ökonomisch rettete er sich bloß von einer Expansion in die nächste, der Preis von Hunderttausenden toten Soldaten ließ ihn kalt. Napoleon "war unfähig, konsistente politische Vorschläge zu formulieren". Dieser Politikunfähigkeit wegen konnte er seine Siege nicht ausnutzen und provozierte am Ende jene Allianz gegen sich, die seinen Untergang bedeutete.

Franklin und Napoleon - hier der Inbegriff des klugen, maßvollen Politikers, der die Nation zur Selbstverteidigung bewaffnet und einfacher Soldat bleibt, dort der maßlos menschenverachtende Diktator, dessen Element der Krieg ist und dessen Glück Feldherrenglück. Der eine starb 1790, neun Jahre später putschte sich der andere an die Macht.

Ohne Landkarten ist Geschichte unvorstellbar. Franklin ließ links und rechts des Eingangs zum Stadtsenatsitzungssaal von Philadelphia Karten aufhängen, um den Bürgern zu zeigen, dass sie nicht auf einer isolierten Insel wohnen. Napoleons kriegerischer Aufstieg und Fall lässt sich am besten auf Karten nachvollziehen, seine Schlachten sowieso. Den Atlas der Globalisierung, herausgegeben von Le Monde Diplomatique, wird man hingegen konsultieren, wenn man wissen will, wie es auf der Welt heute aussieht. Vom Klimawandel bis zum "erfundenen Kampf der Kulturen", vom Freihandel bis zu Frauenrechten, vom Schicksal einzelner Länder bis hin zu den Krisengebieten: Hier ist die Welt übersichtlich und mit Haltung dargestellt. Unentbehrlich.

Armin Thurnher in FALTER 51-52/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×