Nein

Günter Eichberger


Ein kräftiges Nein

Der Grazer Autor Günter Eichberger erzählt in seinem neuen Buch "NEIN" vom Nichtzustandekommen einer Geschichte.

Eine Haltung der Verweigerung charakterisiert Günter Eichbergers neuntes Prosabuch, verschiedene Gesten der Negation durchziehen dieses auf mehreren Ebenen. Da ist zunächst die Weigerung des Autors, sich einer realistischen und psychologisierenden Erzählweise zu bedienen. Für solche Schreibarten hatte Eichberger von Beginn seiner Schriftstellerkarriere an nicht mehr als ironischen Spott übrig. Auch in "NEIN" heißt es programmatisch: "Da das Erzählen doch ein Grundbedürfnis wie das Atmen. Behaupten die Erzähler, dieses Lügenpack".

"NEIN" handelt einerseits von unzähligen Versuchen eines Erzählers, eine Figur zu gestalten, Situationen zu erfinden oder einen Schauplatz einzurichten. Alle Ansätze zerfließen ins Nirgendwohin, in deviante Sexpraxis, in die Fäkalsphäre, in Ungeheuerlichkeiten von Gewaltanwendung, in Hirngespinste oder in sentimentalen Kitsch. Andererseits thematisiert "NEIN" aufreizend unverblümt das seit der radikalen Moderne geläufige Repetitorium des Nicht-erzählen-Könnens, dessen Ursachen in den Unzulänglichkeiten des Mediums Sprache und gängiger Konstruktionen von Welt und Ich angesiedelt werden. Erfrischend wirkt dabei, dass der Autor gerade in der poetologischen Reflexion seine Vorlieben für die schiefe Komik des Kalauers und die Doppelbödigkeit von infantilem Witz zur Geltung bringt: "Ich nennt sich doch jeder, so kann man doch nicht heißen".

Figur, Handlung, Schauplatz und Zeit sind in "NEIN" keine fixen Bezugsgrößen, die Erzählung entgleitet in einen schizoiden Prozess des Erfindens und gleichzeitigen Unterlaufens der Fiktion: "So viele Möglichkeiten! Und keine Lust, sich für eine zu entscheiden." Einen oberflächlichen Zusammenhalt stiften die Kommentare einer Erzählerfigur, die sich ihrerseits in einem Spannungsfeld zwischen Individualanarchismus - "Wir sind die Nicht-Horde"-und fernöstlicher Philosophie-"Tröstlich ist immer nur die Aussicht auf nichts"-aufzulösen droht.

In den letzten Abschnitten öffnet sich das in "NEIN" veranstaltete, bis dahin weitgehend selbstreferenzielle Sprachspiel in Richtung historischer Wirklichkeit. In Form von Entwürfen und Skizzen wird auf ein literarisches Vorhaben angespielt, das entsprechend der zuvor im Buch aus-und vorgeführten Poetik eben nicht als Erzählung in Gang gesetzt wird. Lediglich aus knappen Hinweisen und aus Zitaten aus den wenigen vorhandenen historischen Dokumenten erfahren wir vom obersteirischen Widerstandskämpfer Johann Preiss, der im April 1945 nach Mauthausen verbracht und dort ermordet wurde. Die Frage des Erzählers: "Was soll man dem hinzufügen?", ist weniger Ausdruck von Resignation als rhetorische Bekräftigung der eigenen Schreibposition. Anstatt eine Geschichte zu schreiben, schuf Günter Eichberger mittels seiner Poetik der Verweigerung eine Hommage an einen Verwandten, mit dem ihm das Nein, der "Kern jedes Widerstandes", verbindet und den er gerade deshalb "nicht kennenlernen durfte".

in FALTER 47/2006



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