Ralph Doughby's Esq. Brautfahrt


America the Beautiful

Ein neu aufgelegter Roman des Österreichers Charles Sealsfield alias Karl Postl (1793-1864) preist die USA und deren heißblütige Söhne.

Trotz eines recht umfänglichen Ruvres ist Charles Sealsfield, der 1793 als Karl Postl in Poppitz bei Znaim geboren wurde, ein Fall für Spezialisten und Germanisten geblieben. Die von Hans Magnus Enzensberger begründete bibliophile Reihe "Die Andere Bibliothek" versucht dies nun (wieder einmal) zu ändern und legt "Ralph Doughby's Esq. Brautfahrt" vor, den zweiten Teil seiner fünfteiligen "Lebensbilder aus der westlichen Hemisphäre" von 1846. Und in der Tat: An Bildern und Szenen des prallen Lebens herrscht hier wahrlich kein Mangel. Das Buch verbindet Elemente des Abenteuerromans mit lyrisch-schwelgerischen Landschaftsbeschreibungen, komische Genreszenen mit politischen Reflexionen.

Karl Postl war 1823 aus nicht ganz geklärten Gründen als junger Ordenspriester aus Österreich nach Amerika geflohen und wurde dort dank eines vom Staate Louisiana ausgestellten Passes zu Charles Sealsfield. Dort und vor allem auf dem Mississippi spielt auch sein Bericht, in dem die Gegensätze von Nord-und Südstaaten, Alter und Neuer Welt, (französischstämmigen) Kreolen und "echten" Amerikanern einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Der schon im vorangegangenen Buch in den Hafen der Ehe manövrierte George Howard tritt hier als Erzähler auf und erweist sich als glühender und wortgirlandenwerfender Apologet der jungen Nation: "Ei, sie ringt, die arme Jungfrau Europa, sie ringt nach Kräften, nach der neuen Geburt; sie glaubt, sie wird sie erringen, die herrliche Tochter, glänzender, strahlender als wir; aber sie vergisst darüber des furchtbaren Riesen, und die Sonne geht ihr unter im Westen, und die schwächende Dämmerung überfällt sie, und die Nacht bricht ihr herein, während bei uns die helle Morgenröthe auftaucht!"

Der Ich-Erzähler hat sichtlich Freude daran, die Welt in Gegensätze aufzuteilen, auch wenn er darin nicht immer ganz konsequent verfährt: So gelten ihm Franzosen als "gebildet, gesittet, civilisirt, gezähmt sollte ich sagen", zugleich aber auch als von Natur aus despotisch, unrepublikanisch und unmännlich. Zugleich nötigt ihm die Urbarmachung von Louisiana dermaßen großen Respekt ab, dass er auf einer halben Seite gleich dreimal die "Manneskraft" der französischen Siedler preist. Den kühlen Yankees wiederum stehen die heißblütigen, aber herzensguten Südstaatler - allen voran der trinkfeste Titelheld - gegenüber, und sosehr sich der Erzähler auch für diesen Kraftlackel und überhaupt die "wilden, aber kräftigen Sprößlinge der Natur" zu erwärmen vermag, so steht doch am Ende die große Aussöhnung: Unser Mann aus Kentucky kriegt endlich seine Frau, eine junge, noble Französin, deren Vater dem neuen Schwiegersohn die geheime Hals-über-Kopf-Heirat dann doch nachsieht.

Ralph Doughby's Esq. Brautfahrt" ist ein zwischen Pathos und Ironie, Actiondramatik und hochkomischen Passagen hin-und herschlingerndes Buch, dessen überaus vergnügliche Lektüre allenfalls durch die Begleittexte dieser ausstattungsfetischistischen Ausgabe getrübt wird. Rolf Vollmanns Einleitung würde im Deutschunterricht wohl als "Themenverfehlung" klassifiziert werden (er schreibt über Krokodile, die hier eigentlich keine Rolle spielen, und über einen anderen Roman), und das Nachwort von W.G. Sebald ist gewiss kenntnis-und verweisreich, in seinem säuerlich-professoralen und moralisch selbstherrlichen Besserwissertum aber schlicht ungenießbar: Postl/Sealsfield wird als Rassist, Darwinist, Opportunist und patriarchaler Sentimentalist entlarvt. Die allen Ernstes formulierte Frage, "ob Sealsfield ein aufrechter Mann oder ein Schwindler, ein Genie oder bloß ein Schmierer gewesen ist", wird aber dann auch nicht wirklich geklärt. Wer sich vor die Wahl zwischen Sealsfield und Sebald gestellt sehen sollte, wird indes gut daran tun, sich für Ersteren zu entscheiden.

Klaus Nüchtern in FALTER 47/2006



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