Geschichte der Juden in Österreich

Eveline Brugger, Martha Keil, Albert Lichtblau, Christoph...


"Unsere Mitbürger"

Monumental und erschütternd: Die neue "Geschichte der Juden in Österreich" beschreibt 800 Jahre jüdisches Leben - oder genauer: 800 Jahre bedrohtes jüdisches Leben in Österreich.

Die Metternich'schen Geheimpolizisten waren ganz aus dem Häuschen ob der seltsamen Sitten, die von zugereisten Juden aus Berlin eingeschleppt wurden. "Komische Lieder" wurden gesungen, alle "erhielten Geschenke oder Souvenirs", ist in einem Spitzelbericht über ein Fest im Hause der Berliner Jüdin Fanny von Arnstein zu lesen, die nach Wien geheiratet hatte. Der Ritus, den die Tochter des Vorstehers der Berliner jüdischen Gemeinde 1814 erstmals in Wien bekannt machte: das "Weihbaum-oder Christbaumfest", zelebriert "nach Berliner Sitte", wie der Polizeibericht vermerkt.

Der "urchristliche" Weihnachtsritus, wie er seit ewigen Zeiten gepflegt zu werden scheint, er ist in Wahrheit ein norddeutscher Brauch, den erst progressive Juden im Habsburgerreich populär machten. Gewiss, das ist nur ein besonders amüsantes Beispiel für den Beitrag der Juden zu dem, was hierzulande längst als lokaltypische Kultur gilt. Im Allgemeinen freilich ist die Geschichte dieser Beiträge nicht gerade eine Historie fröhlichen interkulturellen Verkehrs. Viel lachen wird nicht, wer sich mit den 800 Jahren jüdischer Geschichte in Österreich beschäftigt. Es ist die Geschichte von 800 Jahren Parallelgesellschaft; eine Geschichte der Vertreibung, Verfolgung, Ermordung und Verhöhnung; und eine Geschichte der beinahe unbegreifbaren Hartnäckigkeit, des Versuchs einer ethnisch-religiösen Gemeinschaft, Fuß zu fassen, sich anzusiedeln, den Zustand der Rechtlosigkeit zu überwinden.

All das Auf und Ab liegt nun erstmals in einer großen Gesamtschau vor, in einer monumentalen "Geschichte der Juden in Österreich" - als Ergänzungsband zur großen Reihe "Österreichische Geschichte", die seit 1994 im Ueberreuter-Verlag erscheint. In vier Großkapiteln beschreiben die Historiker Eveline Brugger, Martha Keil, Albert Lichtblau, Christoph Lind und Barbara Staudinger die Geschichte der österreichischen Juden von den ersten Ansiedlungen bis in die Gegenwart. Damit wird eine Lücke in der Literatur geschlossen - erstmals werden die Jahrhunderte jüdischer Existenz von 1200 bis heute zusammenhängend wissenschaftlich erschlossen. Oder besser, wie man nach Lektüre sagen muss: die Jahrhunderte der Vernichtung jüdischer Existenz.

Begonnen hat alles mit Schlom. Zwar waren schon 904 erstmals durchreisende jüdische Händler in den Quellen erwähnt worden, doch der erste mit Sicherheit in Österreich sesshafte Jude hieß Schlom und war Münzmeister des Babenbergerherzogs Leopold V. Vermutlich hatte der ihn speziell zu diesem Zweck ins Land gerufen. 1194 wird er erstmals erwähnt. Im Jahrhundert, das darauf folgt, siedeln sich Gruppen von Juden in verschiedenen Orten des heutigen Österreich an. In Tulln, Graz, Krems und vielen niederösterreichischen Gemeinden - und natürlich in Wien.

Vor allem die jüdische Oberschicht, durch die erzwungene Mobilität gut vernetzt, lebt von Handel und Geldverleih - und kultiviert religiöse Gelehrsamkeit. Wobei Geldverleih und Gelehrsamkeit durchaus in einem symbiotischen Verhältnis standen, wie das der Wiener Neustädter Rabbiner Isserlein formulierte: Durch "das Zinsnehmen" müssen die Juden "keine (körperliche) Arbeit verrichten, daher sind sie frei zum Thorastudium". Allerdings, die Beschäftigung in Handel und frühem Kreditwesen ist nicht freiwillig: Tätigkeiten als Handwerker waren Juden meist verboten, Grundbesitz sowieso, und wo jüdisches Handwerk in Grenzen möglich war, revoltierten meist sehr schnell die alteingesessenen christlichen Meister gegen die Konkurrenz. An der Präsenz jüdischer Händler und Geldverleiher hatte vor allem der Adel ein Interesse: der war oft klamm und brauchte Geld.

Die Juden pflegten ihr religiöses Leben meist sehr zurückhaltend - oft gezwungenermaßen, manchmal halb freiwillig. Umzüge machte man nur in kleinen Gruppen, "damit sich die Gojim nicht wundern". Verboten war den Juden, ihre Häuser in der Karwoche zu verlassen - die Christen hätten sich provoziert fühlen können. Wer hier die - bestenfalls - geduldete Minderheit ist und wer die dominante Leitkultur, darüber herrschte kein Zweifel.

Der christliche Antijudaismus war virulent. Und er war geschürt, von Handwerkern, die lästige Konkurrenz loswerden wollten, aber auch von der Nobilität, wenn die sich bei jüdischen Kreditgebern überschuldet hatten - in solch einem Fall bot sich die Inszenierung eines religiösen Konfliktes und die Ermordung oder Vertreibung der Juden an, denn mit der Vertreibung war man auch den Gläubiger los. Wenn Geschichten von jüdischen "Hostienschändungen", von "Ritualmorden" oder "Brunnenvergiftungen" lanciert wurden, hatte das meist solche profanen Gründe.

Erstaunlich, wie vielfältig die jüdische Besiedlung Ostösterreichs in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts dennoch war. Siedlungen sind unter anderem nachweisbar in Drosendorf, Eggenburg, Emmersdorf, Falkenstein, Gars, Gmünd, Hadersdorf, Hainburg, Horn, Korneubeug, Laa an der Thaya, Langenlois, Mautern, Mistelbach, Pulkau, Raabs, Retz, Tulln, Weiten, Wolkersdorf, Ybbs, Zwettl, Wiener Neustadt, Eisenstadt usw. In Wien lebten um 1400 etwa 900 Juden, vor allem im Gebiet um den Judenplatz.

Doch eine Reihe von Pogromen und Vertreibungen vernichtete im 14. Jahrhundert die jüdischen Gemeinden im heutigen Niederösterreich beinahe vollständig. Es folgte die Vertreibung der "unseligen Juden" aus Salzburg - in den meisten Fällen wollten die Landesherren mit den Juden auch ihre Schuldscheine vernichten. Den makabren Höhepunkt bildete die Wiener Gesera ("Verhängnis") von 1420/21, die mit der Vertreibung und der Zwangstaufe und der Verhaftung der reichen Juden begann. Nach einem Massenselbstmord in der Synagoge - um der Zwangstaufe zu entgehen - endete das jüdische Leben in Wien am 12. März 1421 auf der Gänseweide in Erdberg. Dort wurden die 210 letzten überlebenden Juden verbrannt.

Nur langsam konsolidierte sich jüdisches Leben in den kommenden 200 Jahren wieder. In Wien durften sich erst nur wenige jüdische Familien ansiedeln, später wurde ihnen die umgrenzte "Judenstadt" im zweiten Bezirk zugewiesen - das Geviert zwischen heutiger Großer Sperlgasse, Tandelmarktgasse, Kleiner Pfarrgasse und Taborstraße. Vor allem der Kaiser hatte fiskalisches Interesse an der Präsenz jüdischer Händler und Finanziers - einige Privilegierte machte er zu seinen "Hofjuden". Er strich Kontributionen ein oder fragte Kredite nach, um die Türkenkriege und den Dreißigjährigen Krieg zu finanzieren. Vor allem im Woll-und Tuchhandel, aber auch im Viehhandel waren die Juden aktiv. Als Kreditgeber waren die Juden nachgerade optimal - aus steter Angst vor Verfolgung murrten sie nicht, wenn die Landesherren die Kredite nicht zurückzahlten.

Die schärfsten Feinde der Juden waren die Wiener Kaufleute. Bereits 1670 wurden die Juden abermals aus Wien ausgewiesen und mussten die Stadt verlassen. Um 1700 gab es nur in Vorarlberg - in Hohenems und Sulz - sowie im Burgenland jüdische Gemeinden, in Innsbruck lebte eine Handvoll Juden, in Wien einzelne tolerierte Hofjuden. Ein halbes Jahrhundert später waren es auch erst wieder 452 Juden, die im Wien Maria Theresias lebten, die den Juden übrigens gar nicht wohlgesonnen war ("Ich kenne keine ärgere Pest"). Mit der polnischen Teilung wurden Galizien und die Bukowina dem Habsburgerreich zugeschlagen. Mit einem Mal hatte die Monarchie rund 200.000 jüdische Untertanen mehr. Das allein machte eine Änderung der Judenpolitik notwendig. Zudem wuchs das Selbstbewusstsein der jüdischen Oberschicht: durch die Beteiligung an den antinapoleonischen Kriegen fühlte man sich als Bürger des "Vaterlandes", dem mehr Rechte gebührten. Die Aufklärung - und die innerjüdische Aufklärung, die Haskala - setzten die Emanzipation der Juden auf die Tagesordnung. Auch glichen sich die Lebenswelten moderner Juden und progressiver Christen aus der Bürger-und Adelsschicht stetig an.

1825 wurde die Synagoge in der Seitenstettengasse gebaut. Die Juden konnten mehr und mehr mit erhobenem Kopf durch die Stadt gehen. Denn der ökonomische Fortschritt im Vormärz verlangte ein funktionierendes Kreditwesen - und für das sorgten jüdische Bankiers. Die Revolution von 1848 brachte dann auch die weitgehende rechtliche Gleichstellung der Juden - etwa die Freizügigkeit, sich nach eigenem Belieben anzusiedeln. Wien wurde das beliebteste Migrationsziel der Juden der Monarchie. Der Wirtschaftsaufschwung nach 1848 wird sogar schon als "jüdisches Wirtschaftswunder" bezeichnet.

Das Ende des 19. Jahrhunderts brachte die oft beschriebene Blüte des jüdischen Lebens in Österreich und einen kurzen Moment der Illusion, Emanzipation und Gleichberechtigung könnten funktionieren - aus Verfolgung und aggressivem Nebeneinander der Parallelgesellschaften könnte ein befruchtendes Miteinander werden. Eine Illusion, die sukzessive zerstört wurde: Von Schönerers Alldeutschen, den Christlichsozialen von Lueger bis Leopold Kunschak (dem antisemitischen Hetzer, den die ÖVP heute noch verehrt), schließlich dem Holocaust. Ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Österreichs wurde ermordet - rund 65.000 Menschen -, von den etwa 113.000 Überlebenden kehrten bis 1959 nur 8000 zurück. Viel mehr Mitglieder haben die jüdischen Gemeinden Österreichs auch heute nicht.

Die "Geschichte der Juden in Österreich" erzählt diese 800 Jahre aus der Perspektive der bedrängten Gemeinden, des prekären Lebens derer, deren Rechte immer fragil, stetig bedroht und oft mit Füßen getreten waren. Dass es heute überhaupt noch jüdisches Leben in Österreich gibt, ist vor der Folie dieser Geschichte beinahe ein Wunder. Dass es ein Leben im Schatten dieser Geschichte ist, versteht sich von selbst. Ebenso dass es ein Leben ist, das sich auch von dieser Düsternis emanzipieren muss. Immerhin, heute gibt es eine Generation von Jüdinnen und Juden, deren Angehörige sich als selbstbewusste Bürger sehen, auch wenn sie noch immer, auch von wohlwollenden Leuten, als "unsere jüdischen Mitbürger" bezeichnet werden. Ob man das schon als versöhnlichen Abschluss der Geschichte sehen kann?

Happy Ends sehen anders aus.

Robert Misik in FALTER 45/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×