Illustriertes Fernweh. Vom Reisen und Nachhausekommen

Willy Puchner


Willys Wunderwelten

Joe und Sally, zwei Plastikpinguine, machten Willy Puchner berühmt. Nun veröffentlicht der Fotograf und Autor erstmals eines seiner fantastischen Tagebücher. Porträt eines Vielreisenden, der sich schreibend, zeichnend, kritzelnd und fotografierend über die Kontinente hinwegbewegt.

Willy Puchner sitzt versunken in einem Polstersessel seiner Wohnung, er raucht eine Zigarette. Er kann sehr lange und genüsslich an einer einzelnen Zigarette rauchen. Sein graues Haar ist verstrubbelt, als sei er gerade aufgestanden, er zieht Ernsthaftigkeit gegenüber im Gesicht gefrorener Gutelaunestimmung eindeutig vor. Er ist der Ruhepol, um ihn herum wuchert Puchners Welt ins Fantastische.

Hinter seinem Rücken, im Bücherregal, ist der Schriftzug "Hier wird Beichte gehört" zu lesen; man kann die Schrift mit einem Schalter zum Leuchten bringen. Über Puchners Kopf ragt ein Gamsbockkopf aus der Wand, auf dem Holzbrett, aus dem der Schädel mit den Hörnern in den Raum wächst, ist das Datum 2. Dezember 1906 eingraviert. Es gibt einen Tisch, auf dem ein Buch wie ein Ziegel liegt, "Memento mori" steht in Goldprägung auf dem Umschlag. In einer Holzschachtel mit Glasdeckel sind Käfer auf Nadeln aufgespießt, an einer Wand in der Küche hängen zwei Mausefallen, etliche Geweihe, ein Kruzifix. Auseinandergerissen wären die Dinge in Willy Puchners Wohnung Krempel, zusammengefügt entsteht Willys Wunderwelt.

Irgendwo in diesem Wohn-und Arbeitsuniversum steht ein kleiner Plastikpinguin aus Italien, ein Sparschweinpinguin. Beim Fenster sind vier Uhren, vier Weltzeiten, in einer Linie angebracht: Tokio, New York, Indien, Wien. Der Wiener Zeit ist die Batterie ausgegangen, auf der Uhr ist es drei vor zwölf. Es kann leicht passieren, dass man hier in ein Regal greift und einen knöchernen Rehkopf in Händen hält. Im Nebenzimmer baumeln ein Fotoapparat, ein plüschener Riesenhamster im Käfig, ein hölzernes Windspiel, ein Holzinsekt, ein japanischer Schirm und drei aufgeblähte Kugelfische von der Decke.

"Das ist die Welt über mir", sagt Willy Puchner, 54, Fotokünstler, Zeichner, Autor, Vielreisender, Sammler und Listenschreiber: Kündigt sich beispielsweise ein Freund zum Frühstück an, schreibt Puchner schon am Vortag eine kleine Frühstücksliste. Er schreibt Listen mit empfehlenswerten Wiener Lokalen und Listen mit runden Jubiläen, die erst im Jahr 2069 (sechshundert Jahre Diözese Wien), 2076 (zweihundert Jahre Hotel Sacher) oder gleich 2096 (1100 Jahre Österreich) anstehen; sein Computer ist randvoll gefüllt mit Listen. Er liebt es auch, Hakerln hinter seine Erledigungsnotizen zu machen. Listen und Hakerln nehmen viel Zeit in Anspruch im Leben von Willy Puchner.

Puchner ist zudem der Erfinder von Joe und Sally. Joe ist 115 Zentimeter groß und fünfeinhalb Kilogramm schwer. Sally misst 110 Zentimeter und wiegt fünf Kilo. Joe und Sally sind Königspinguine, ihre Körper bestehen aus Polyesterharz, sie sind mit weißem und schwarzem Nitrolack bemalt. Joe und Sally haben Puchner bekannt und wohl vermögend gemacht. 1992 erschien der Bildband "Die Sehnsucht der Pinguine", worin Puchner die Reise seiner beiden Plastikvögel rund um die Welt dokumentierte. Seit 2004 ist das Paar nunmehr im Auftrag der Österreich Werbung in Österreich unterwegs, die Figuren lagern seitdem zwischen Fototerminen in einem Puchner unbekannten Depot. Rund 32 Millionen Euro wurden von den Tourismuswerbern in die PR-Aktion gesteckt, allein 6,5 Millionen in klassische Werbung wie Plakate und TV-Spots. Man entkommt Joe und Sally seit zwei Jahren nur mehr schwer: Joe und Sally im Boot, am Strand, am Bergsee, im Sonnenblumenfeld, vor Musikerdenkmälern. Joe mit umgehängtem Fotoapparat und Sally mit rot lackierten Zehennägeln im Kaffeehaus, am Gletscher. Harmlose, putzige Pinguine, inflationär ins Bild gerückt.

Seit Erscheinen des Pinguin-Fotobands - bereits 2001 wurde das Album in sieben Sprachen übersetzt, Pinguin-Ausstellungen waren in Wien, Berlin, Washington und Japan zu sehen - ist Puchner nicht nur Fotograf. Er ist der mit den flugunfähigen Seevögeln. Puchner? Pinguine. Pinguine? Puchner.

Eine ungenaue, untreffende Umschreibung des Mannes, der sein eigener Planet ist, der sich seine Welt seit je nach seinem Willen gestaltet. Dessen Schutzheiliger der 2002 verstorbene Kulturphilosoph Heinz von Foerster sein könnte, der einst formulierte: "Bitte nie sagen: ,Das ist langweilig, das kenne ich schon.' Das ist die größte Katastrophe! Immer wieder sagen: ,Ich habe keine Ahnung, ich möchte das noch einmal erleben.'"

Mit 14 kam Puchner von Mistelbach, im Weinviertler Hügelland gelegen, nach Wien und mietete sich eine Wohnung in der Goldschlagstraße. Aus Wilhelm Franz Amadeus Puchner, Sohn eines Fotografen-Ehepaars, wurde das selbsternannte Junggenie Willy Puchner, dessen Eltern seit 1947 das regional bekannte Fachgeschäft Foto Puchner Mistelbach am Hauptplatz geführt hatten (das mittlerweile von Puchners Schwester geleitet wird). Willy Puchner schwor sich zu jener Zeit, so bald nicht mehr nach Mistelbach zurückzukehren. Fragt man ihn heute nach seinem letzten Besuch in seiner Heimatgemeinde, kann er sich nur mit Mühe daran erinnern.

Puchner besuchte die Abteilung Fotografie der Graphischen Lehr-und Versuchsanstalt in Wien, fiel zweimal durch. Damals begann er auf Müllhalden verrostete Töpfe und Begrenzungswände aus Beton zu fotografieren. Damals bemerkte Puchner auch erstmals jene rätselhaften, immer erst im Nachhinein manifest zu machenden Verästelungen zwischen Leben und Werk, die bis heute viele seiner Arbeiten bestimmen. Puchner wuchs etwa im Fotostudio seiner Eltern auf, in dem mithilfe von Weichzeichner und Retusche schöne Fotos von zuweilen nicht so schönen Menschen angefertigt wurden. Er fotografierte, kaum dem Heimatdorf entflohen, Zivilisationsmüll und bröckelndes Mauerwerk. In seinem Leben nahm Puchner insgesamt vier reguläre Jobs an, dreimal wurde er hochkant rausgeschmissen: Einen Monat lang arbeitete er als Werbe-sowie als Theaterfotograf, nach zwei Jahren als Lehrer auf der Graphischen wurde ihm ebenfalls die Kündigung nahe gelegt. Freiwillig verließ er dagegen das Fotogeschäft zweier betagter Damen in der Thaliastraße. "Wenn die beiden 130 geworden wären, würde ich noch immer hinter der Verkaufstheke des Ladens stehen", sagt Puchner. Die Arbeit in dem Geschäft bestand vor allem aus Kaffeetrinken, Kuchenessen und den beiden Alten Zuhören, hin und wieder verirrte sich Kundschaft in den Laden. Es war wie damals, bei Foto Puchner Mistelbach. Mit 28 veröffentlichte Puchner den Bildband "Die Neunzigjährigen", 1983 publizierte er "Dorf-Bilder", die inzwischen leider vergriffene Fotoreportage aus einem Provinznest, in dem vor allem alte Menschen leben. Erst kürzlich stellte Puchner erstaunt fest, dass er auf jeder seiner zahlreichen Reisen auch einen kleinen Behälter im Gepäck verstaut hatte, in dem sich abgezählte hundert sitzende Figürchen befinden. Er kann viele Stunden an einem Strand sitzen, eine Figurenlandschaft aufbauen und dann einen toten, erstarrten, im Vergleich riesigen Käfer mitten in das Ensemble setzen. "Ich bin dann Objektkünstler", sagt Puchner. Und er präzisiert sogleich: "Eigentlich bin ich in diesen Situationen ein spielendes Kind." Er hat zwangsläufig auch Kinderbücher gezeichnet und geschrieben. "Ich bin ..." heißt eines davon, in dem sich Kreaturen wie der Schlafschnutz, die Schmuckmaus, der Fischfisch, das Rothorn und das Allerlei tummeln. Nur die Pinguine passierten Puchner zufällig.

Der Fotograf aus Wien arbeitete für kurze Dauer auch für große internationale Magazine wie Geo oder Stern. Bereits sehr früh beschloss Puchner jedoch, seine Zeit vor allem seiner Kopfwelt zu widmen, die ebenfalls von seltsamen Wesen bevölkert ist. 1988, während der Arbeit am Pinguin-Werk, fertigte er sein erstes "Materialbuch" an, seitdem hat er über dreißig Kladden vollgeschrieben, vollgezeichnet, vollgekritzelt. "In meinen Materialbüchern und Reisenotizen wird die Welt zur Sammlung persönlicher Eindrücke, eine Art Verflechtung, die sich in Texten, Zitaten, Fundstücken und Bildern darstellt", versucht sich Puchner an einer Definition. "Die Bücher sind meine Wohnung auf Reisen. Jede Seite oder Doppelseite wird zu einem Zimmer oder zu einem Raum. Hunderte von Fäden, die durch die Luft schwirren, werden drinnen festgehalten, verpackt, fixiert, übermalt oder verdeckt. Die Materialbücher widerspiegeln auch mein Wesen. In dem ich die Welt sammle, ordne, berechne und aufzeichne, orientiere ich mich. Ich versuche mich jeden Tag zurechtzufinden, den augenblicklichen Standort zu bestimmen. Wie bei allen anderen Menschen auch, ändern sich ständig meine Koordinaten. So dienen meine Aufzeichnungen weniger der Erinnerung, vielmehr brauche ich sie, um die Vielfalt von Empfindungen festhalten zu können."

Das Weltreisenotizbuch "Illustriertes Fernweh" ist nun Puchners erstes publiziertes Materialbuch. Im Vorwort zitiert er absichtsvoll den portugiesischen Dichter Fernando Pessoa: "Vielleicht ist es mein Schicksal, ewig ein Buchhalter sein zu müssen, und Dichtung und Literatur sind ein Schmetterling, der sich auf meinem Kopf niederlässt und mich umso lächerlicher erscheinen lässt, je größer seine Schönheit ist." Puchner ist Buchhalter aus Passion. Jede Seite in "Illustriertes Fernweh" ist Resultat eines stundenlangen Zusammenfügens von gemalten, fotografierten, gezeichneten Mosaiksteinchen: Profanes stößt hier auf Philosophisches, Banales auf Wundersam-Wunderliches. In Portugal, an der Algarve, entdeckte Puchner etwa Lesefische und Kapperlfische. In Venedig notiert der Weltentdecker wenig überraschend: "Es ist eine Stadt, in der wir uns ein Leben lang verlaufen könnten." In Japan erteilt sich Puchner nach bewährter Listenart Sprachunterricht: "Eki - Bahnhof." "Mendori - Henne." "Anata wa? - Und Ihnen?" Eine Besorgungsliste - "Was ich in Bombay einkaufen möchte" - findet sich ebenfalls: "Fahrrad, Koffer aus Metall, Hochzeitsanzug, verschiedene Aquarellfarben."

Auch in Wien hat sich Puchner in dem Band, der den Untertitel "Vom Reisen und Nachhausekommen" trägt, auf Entdeckungsreise gemacht - und ist auf absonderliche "Lurche und Kriechtiere" gestoßen, auf ein Wien-Bestiarium. In der Stadt gibt es demnach massenhaft Bücker, Mahlzeiter und Hallodris. Ein Bücker liebt seine Unterwürfigkeit, ein Mahlzeiter grüßt bereits vormittags mit "Mahlzeit!", ein Hallodri bläht sich gern künstlich auf. Puchner hat neben die Typenbeschreibung des Leichtfußes eine aufgedunsene, arrogant dreinblickende Kröte gezeichnet.

Die wohl am meisten Staunen machende Wunderkammer in Willy Puchners weitläufiger Wohnung befindet sich gleich beim Schlafzimmer. In dem besenkammergroßen Raum lagern in Regalen Schuhschachteln, auf denen in seiner schönen, großen Handschrift "Im Grünen", "Berg & Berge", "Hunde" oder "Arbeit" geschrieben steht. Puchner sammelt seit Jahren Privatfotos, er besitzt inzwischen mehr als zehntausend Bilder, auf denen Menschen in allen nur erdenklichen Lebenslagen zu sehen sind, vornehmlich damit beschäftigt, im Augenblick des Auslösegeräuschs das kurze, vor dem Kameraobjektiv präsentierte Glück Ewigkeit werden zu lassen.

In der Kammer hängt auch das einzige Porträt des Fotografen, ein Babyfoto, auf dem der sehr kleine Puchner im Gegensatz zum großen Puchner einmal herzlich lacht. Hierhin zieht sich Willy Puchner auch zurück, wenn er einen Streifzug durch den fotografisch festgefrorenen Alltag unternehmen, wenn sich der Wunderweltenbewohner der tatsächlich grenzenlosen Wunder-und Wahnsinnswelt, der schieren Normalität, ausliefern will.

Wolfgang Paterno in FALTER 44/2006



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