Das Beileid. Nach Teilen eines Tagebuchs. Werke Band 4

Bernhard Fetz, Eva Schobel, Albert Drach


Zwei grandiose, autobiografisch grundierte Werke vom Leben und Überleben als Flüchtling in Frankreich, 1939 ff., vom Zusammenbruch und der Okkupation: als die Menschen "die Macht über die Dinge verloren" hatten und diese nun ihr eigenes leidenschaftliches Leben lebten. "Wir hatten Straßen gesehen, die sich vor Angst aufbäumten, wehklagende Häuser und sterbende Waffen", beschreibt Leon Kane (1913-2003), aus Galizien stammender Übersetzer und Bibliograf, in "Der Fallstrick" die Ankunft des namenlosen Ich-Erzählers und zweier Freunde in Bagnères-de-Luchon in den Pyrenäen. "Dieser Ort war von hysterischem Lachen geschüttelt." Man lernt, das Provisorische als Normalzustand des Alltags im Exil zu schätzen, entwickelt ungeahnte Energien bei diversen Gelegenheitsarbeiten und erfährt von Unbekannten manch kleinen Freundschaftsdienst. "Ich bestellte noch einen Aperitif und streichelte den Busen der Kellnerin, die nichts dagegen hatte." Leider stieß Kanes unaufgeregte, klare Prosa seinerzeit auf Desinteresse; der bereits Mitte der Vierzigerjahre entstandene, nun erstmals veröffentlichte Roman blieb auch sein einziger.

Zur selben Zeit, anno 1946, begann Albert Drach, der das Kriegsende in der Nähe von Nizza versteckt erlebt hatte, ein Nachkriegstagebuch zu führen. "Wenn einer bloß fleischlich umgeht statt geistig, ist er nur tot, aber kein Gespenst", heißt es in "Das Beileid", seinem darauf basierenden "Tagebuchroman", den der Autor immer wieder überarbeitet und 1993, zwei Jahre vor seinem Tod, erstmals zur Publikation freigegeben hat. Drach, der sich darin selbst als "Gespenst" bezeichnet, sitzt allein und mittellos in einem schäbigen kleinen Quartier fest, trägt sich, einer unerfüllten Liebe wegen, mit Selbstmordgedanken oder wägt Für und Wider einer Rückkehr nach Österreich ab. "19.8. [1947] Wasche Pyjama. Schreibe an Verwalter meines mir weggenommenen Hauses in Mödling. Nacht mit (echter) Katze." Keine ganz einfache Lektüre.

Michael Omasta in FALTER 44/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×