Nachbrenner. Zur Evolution und Funktion des Spektakels

Thomas Raab


Brennwert der Kunst

Der Grazer Autor und Kognitionsforscher Thomas Raab unternimmt den Versuch einer naturwissenschaftlichen Grundlegung der Ästhetik.

Humanwissenschaftern gilt das Spektakel meist als Symptom kulturellen Verfalls. Aber während neomarxistische Kritiker in der Regel das Angebot der Spektakelkultur ins Visier nehmen, fragt Thomas Raab in seinem neuen Buch - "Nachbrenner. Zur Evolution und Struktur des Spektakels" - nach deren tieferen Ursachen, holt in seiner Darstellung bis in die Grundlagenforschung naturwissenschaftlich orientierter Psychologie aus und setzt beim Menschen eine entwicklungsgeschichtlich begründete Nachfrage nach dem Spektakel voraus.

Bestückt mit einem Begriffsinstrumentarium aus Behaviorismus, Bio-Energetik und der Automatentheorie Oswald Wieners, mit dem der 1968 geborene Raab zwischenzeitlich zusammengearbeitet hat, legt Raab die Bedingungen jeglichen ästhetischen (oder "hedonischen") Erlebens frei. Anhand der Reaktionen seiner Hauskatze Sumatra auf das Abspielen einer CD mit heulenden und bellenden Huskys demonstriert Raab exemplarisch, wie sich "eine Vorform von ästhetischen Elementargefühlen" einstellt, wenn sich nach einem Orientierungsverlust das ursprünglich zwischen Organismus und Außenwelt vorhandene Fließgleichgewicht wieder einstellt. Derartige Vorgänge kommen auch beim Menschen zum Tragen, der mit "der heute ausufernden Spektakelkultur der Events, Kinogroßprojektionen und Videobeamer" konfrontiert ist.

Anders als Guy Debord, auf dessen bahnbrechendes Buch "Die Gesellschaft des Spektakels" (1967) in "Nachbrenner" Bezug genommen wird, hat Raab ausschließlich die Gegenwart von Postindustriegesellschaften im Auge. In diesen sei die spektakuläre Eventkultur der letzte prosperierende Wirtschaftszweig, in dem die industriell erwirtschafteten Energieüberschüsse schnellstmöglich "verbrannt" werden. Dieser Umstand verweist auf eklatante Defizite der politischen Praxis. Anstatt der Verausgabung potenzieller Energien in schnelle Gewinne wäre für die Herausbildung demokratischer Gesellschaften die Veranlagung energetischer Überschüsse in die "Modellbildung" beziehungsweise in den intellektuellen Strukturgewinn eines jeden einzelnen Mitglieds der Gesellschaft anzustreben.

Die immer kleiner werdende Avantgarde der Denk-Eliten finde Raabs Auffassung nach nicht in der Kunst, sondern in den Naturwissenschaften statt. Konsequenterweise überwiegt in "Nachbrenner" der wissenschaftliche Essay. Die narrativen Abschnitte des Bandes wie die Beobachtungsprotokolle des Verhaltens von Thomas Raabs Sohn O. bis ins vierte Lebensjahr, von jenem der erwähnten Hauskatze sowie die Bloßstellung des Spektakels einer TV-Casting-Show lassen die Vorliebe des Autors für "trockenen" Humor und bissigen Sprachwitz erkennen. Raabs Debüt, den Roman "Verhalten" (2002), zeichnete die besondere Machart der Engführung szientistischer mit poetischer Sprache aus, mit "Nachbrenner" legt ein versierter Literat eine originelle wissenschaftliche Arbeit vor, die - selbst "Brennstoff" des Unterhaltungsmarktes - imstande sein möge, dessen Ideologen ein wenig "einzuheizen".

in FALTER 44/2006



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