Hymne auf ein liederliches Leben

Francesco Madeo


Zwischen Sepuku und Sinnlichkeit

Glaubt man dem Grazer Wissenschafter und Literaten Francesco Madeo, dann führt Faulheit zu viel Arbeit, braucht Ausschweifung Selbstzucht und ist Sinnlichkeit ein Talent. Die Zellen begehen trotzdem Selbstmord.

Francesco Madeo - der Name klingt wie ein Charakter aus einem Film von Vittorio de Sica, dem großen italienischen Regisseur des Neorealismus. Und zwar wäre Francesco Madeo darin ein so liebenswerter wie weltfremder Biologieprofessor, der in der Midlife-Crisis steckt, Ärmelschoner trägt und seine ganzen Sehnsüchte in einen Liebesroman steckt. Francesco Madeo, Professor für Mikrobiologie an der Karl-Franzens-Universität, hat in seiner spärlichen Freizeit über zehn Jahre hindurch einen Liebesroman geschrieben. Von Krise, geschweige denn Midlife-Crisis, oder Weltfremdheit hingegen keine Spur. Wissenschafter benötigen, so der gebürtige Italiener mit deutschem Pass, zwar schon eine gehörige Portion Autismus, aber exzellente Wissenschafter brächten eben auch ein nicht geringes Maß an Sozialbegabung mit. Zumindest hofft dies der mit einem nicht geringen Maß an sozialer Kompetenz ausgestatte, quirlige 38-Jährige. Sofern ein Mann mit 1,90 Metern Körpergröße überhaupt quirlig wirken kann. Doch in Madeo knistert die Leidenschaft, für seine wissenschaftliche Arbeit, für sein literarisches Werk, für seine Helden Thomas Mann, Nietzsche, Dostojewski, die er immer via Zitat ins Gespräch schleust. Diese Leidenschaft will raus. Auf überaus elegante Art wirkt der Professor mit den kalabrischen Vorfahren also tatsächlich quirlig.

Hummeln können, so es nach der Wissenschaft geht, nicht fliegen. Sie sind zu schwer, die Flügel zu klein. Der Vorteil der Hummeln besteht indes darin, dass sie dies nicht wissen. Ein ähnliches Phänomen beobachtete Francesco Madeo in seiner wissenschaftlichen Karriere. Einzeller begehen keinen Selbstmord. So lautete über Jahrzehnte hinweg ein Dogma. Nur war Francesco Madeo nach eigenen Angaben ein so schlampiger Doktoratsstudent, dass er gar nicht wusste, dass Einzeller dies angeblich nicht tun. Mit einer gehörigen Portion Chuzpe und nicht minder wenig Durchhaltevermögen bewies er also das Gegenteil. Und was als Laborwitz begann, ihm fünf bittere Jahre voller Spott, Häme und fauler Eier auf Kongressen einbrachte, entwickelte sich zur bahnbrechenden Erkenntnis, zur wissenschaftlichen Sensation, hinter der ein sehr einfaches Prinzip steckt: "knallharter Sozialdarwinismus". Um den Fortbestand der Kultur zu sichern, "wählen" ältere, schwächere Zellen den Freitod. Sie begehen gewissermaßen Sepuku. Madeo entdeckte dieses freiwillige Massensterben durch Zufall. "Ich bin in Urlaub gefahren und war zu faul, mich vorher um die Hefekulturen zu kümmern. Diese Faulheit hat mir ungeheuer viel Arbeit eingebracht. Man sollte Faulheit nicht unterschätzen." Mit Sicherheit wusste der angehende Wissenschaftsstar bis zu diesem Zeitpunkt allerdings nur eines: Sollten Einzeller keinen Freitod begehen, wäre seine wissenschaftliche Karriere beendet.

Und wie verschlägt es einen Forscher dieses Kalibers an die Grazer Universität? Er fühle sich wohl in Graz, einer sehr charmanten Stadt mit sehr freundlichen Leuten, setzt Madeo zu einer Hymne an, die wohl nur wenige Eingeborene singen. Und man denkt: Gut, 1967 im Ruhrgebiet geboren, Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Deutschen, in äußerst bescheidenen Verhältnissen bei Oma und Opa aufgewachsen - da kann man Graz schon mal charmant finden. Und auf Loblieder versteht sich der Naturwissenschafter ohnehin. "Hymne auf ein liederliches Leben" lautet der Titel seines autobiografischen, bei Klöpfer&Meyer erschienenen Erstlings. In der lebendigen und nur selten leicht süßlichen Sprache vieler literarischer Debüts setzt Madeo darin seinem Großvater Vatta, einem furzenden Philosophenmonster von Opa, der so in der deutschen Literatur noch kaum Entsprechung fand, ein literarisches Denkmal.

"Wir leben in einer hedonistischen Gesellschaft. Jeder versucht ein sinnliches Leben zu führen. Aber Genuss bedeutet auch Arbeit." Mit großer Komik und nicht wenig Provokation schildert Madeo ein Aufwachsen inmitten von Ausschweifung und konstruiert ein Panoptikum der Sinnlichkeit: Seitenlang beschreibt er Vattas Körperfunktionen bis ins Detail. Das sorgt bei Lesungen für Gelächter genauso wie für empörtes Verlassen des Saals. Vatta, dieser paradigmatischen Figur der entgleisten Sinnlichkeit, wiederum stellt Madeo Patricia, Sinnbild prächtiger Erotik und große Liebe des Protagonisten Francesco, gegenüber. Fazit, auch laut Klappentext: "Zur Ausschweifung ist viel Selbstzucht nötig." Ergänzung des Autors: "Wir leben in einer Zeit, in der alle glauben, unendlich cool zu sein, dabei gibt es keine eitlere Zeit als heute. Vatta aber, dem war es wirklich egal, was man von ihm dachte."

Wenn der "Houellebecq mit Herz", wie ihn ein deutscher Journalist kürzlich nannte, ins Reden gerät, spricht er in ungeheurem Tempo. Eine durchschnittliche Castro-Rede wäre von ihm in gut zehn Minuten gehalten. Madeo aber produziert dabei unglaubliche Sätze: "Der Roman ist auch ein Statement, wie man seine wilden Hunde mit Zaumzeug belegt und sie so abrichtet, dass sie den eigenen Schlitten ziehen." Ähnlich Philosophisches findet sich auch in seinem Roman. "Der tausendste Kuss bedeutet gar nichts mehr und wer immer feiert, feiert nie" oder "Die Sinnlichkeit ist ein Feuerwerk, das mit der Seele der Sinnlichen gespeist wird", ist dort zu lesen. Wie, fragt man sich da, findet ein Biologe und Ex-DJ, der "alles außer Techno" auflegte, der bei Opa und Oma inmitten von Ausdünstungen aufwuchs und sogar dann übersteigert wach wirkt, wenn er beteuert, müde zu sein, zu derart unerhörter Weisheit?

Durch Leiden", sagt Madeo. Leiden unter Vatta, dem Ausschweifungsungeheuer; Leiden unter dem Hohn der Kollegen. Leiden, die aber fürs Erste und angesichts des Erfolgs vorbei zu sein scheinen. Nach den Einzellern mit eingebauter Freitodethik ist der Wissenschafter Madeo gerade wieder etwas Bahnbrechendem auf der Spur: Eine Substanz in der männlichen Samenflüssigkeit hat in Madeos Labor die Lebensdauer von Hefezellen beinahe verzehnfacht und wird momentan an Fliegen getestet. Und der Literat Madeo schreibt an einer Geschichtensammlung, "die auf humorvolle Weise möglichst viele Leute provozieren soll". Titel? "Skandale und Meisterstücke." Na dann.

Christof Huemer in FALTER 43/2006



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