Gegangen und geblieben. Ungarn 1956. Lebensläufe nach dem ungarischen Volksaufstand

Martha Halpert


Zweimal Ungarn

1956 Neue Bücher von Paul Lendvai und Martha Halpert nähern sich der gleichen Geschichte auf grundverschiedene Weise.

Paul Lendvai ist, wie zumindest Fernsehzuschauer seines Europastudios im ORF wissen, der österreichische Mitteleuropaexperte schlechthin. Abgesehen von seiner Tätigkeit als Kolumnist gibt er die renommierte Politikrevue Europäische Rundschau heraus. Er ist als geborener Ungar Zeitzeuge des Ungarnaufstands 1956 und hat zahlreiche Bücher über sein Heimatland und verwandte Themen publiziert. Sein Buch "Die Ungarn" gilt allgemein als Standardwerk.

Von wem als von Lendvai würde man sich also ein Buch über den Ungarnaufstand erwarten? Tatsächlich schildert er historisch genau und aus lebendigem persönlichem Erleben die Revolution der Ungarn gegen das Sowjetsystem. Die Biografie des Autors dient aber nicht der Emotionalisierung, sondern vielmehr der authentischen Einschätzung historischer Quellen. Das Panorama, das Lendvai entwirft, umfasst den Aufstand und die blutigen Kämpfe auf den Straßen ebenso wie die Vorgänge in den Kabinetten und den Versammlungsräumen der Stalinisten und der Revolutionäre.

Die Rekonstruktion ist umso sorgfältiger, als - worauf Lendvai eingangs mit Jacob Burckhardt hinweist - der historische Augenblick sich dadurch auszeichnet, dass er kein Bewusstsein von seiner Geschichtlichkeit hat. Und dadurch, dass vor dem Sieg der digitalen Kommunikationsmittel das Simultanerlebnis nicht existierte. Niemand wusste, was wirklich los war, niemand hatte ein korrektes Bild der Lage. Die einander widersprechenden Beschlüsse der ungarischen und sowjetischen Kommunisten, das Zögern des Reformkommunisten Imre Nagy, die Verwirrung der Situationen und Akteure bleibt bei allem Freiheitspathos Kennzeichen der ungarischen Revolution.

Lendvai bedenkt auch die Epoche nach der blutig gescheiterten Revolution, ihre geopolitischen und mentalitätsgeschichtlichen Auswirkungen. Für uns österreichische Leser ist es - abseits vom Wandel unserer eigenen Rolle bedrängten Fremden gegenüber - von Interesse, wie sich die ungarische Geistesverfassung im schlau anpasslerischen Kádársystem innerhalb des Sowjetsystems entwickelte. Ebenfalls recht lehrreich: die Organisation des Verdrängens und Vergessens. Wie aus jedem guten historischen Buch lernt man bei Lendvai die Gegenwart, also die Unreife der derzeitigen ungarischen Politik, besser zu verstehen, wenn nicht gar in eine gemeinsame Geschichte einzuordnen.

Einen anderen Zugang wählte Martha Halpert, in Österreich für ausländische Medien tätige Journalistin, wie Lendvai in Ungarn geboren. Ihr Buch "Gegangen und geblieben" schildert die Wirkungen von 1956 und rekonstruiert bei dieser Gelegenheit gleichsam nebenbei die Geschichte von damals aus den Blickwinkeln verschiedener persönlicher Geschichten. Sie stellt Porträts von Menschen zusammen, deren Leben durch 1956 entscheidend verändert wurde, von Ungarns Intellektuellen György Konrad und György Dalos über den ersten Staatspräsidenten nach 1990, Arpad Göncz (nach 1956 zu lebenslanger Haft verurteilt), bis zur in Wien bekannten Familie Vecsei.

Auch der Aspekt der Frauengeschichte kommt bei Halpert nicht zu kurz. Ebenso wenig die österreichische Hilfsbereitschaft; das Lager Traiskirchen, heute in eher unrühmlichen Zusammenhängen bekannt, wurde ja aus Anlass der ungarischen Flüchtlingswelle gegründet. Von den fast 200.000 ungarischen Flüchtlingen, die damals zuerst in Österreich Zuflucht fanden, blieben am Ende gerade 11.000 im Land.

Beide Bücher bringen Zeittafeln, Bilder und Register; Lendvais dazu noch einen umfangreichen Anmerkungsteil. Vielen der bei Lendvai historischen Akteure liefert Halpert ihr persönliches Schicksal nach, insgesamt wird ein Stück Geschichte, von beiden Seiten gesehen, wenn auch nicht besser verständlich, so doch anschaulich.

Darüber hinaus versteht es Martha Halpert, uns in ihren Reportagen auch ein Bild des gegenwärtigen Ungarn zu zeichnen. Nicht nur jenes Ungarn, das sich auf das Staatsgebiet beschränkt, sondern jenes größeren Ungarn, das durch die Emigration entstanden ist. Während bei Lendvai die historische Perspektive dominiert, sind es bei Halpert Szenen aus dem Alltagsleben. Auf der Couch bei Gönczs, am Schachbrett mit Polgárs, mit Miklós Haraszti in Wien bei der OSZE: hier geht Teilnahme vor Reflexion. Beide Bücher ergänzen einander so aufs Beste.

Armin Thurnher in FALTER 43/2006



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