Das Glück des János

Wolfgang Koch, Claudia A Strafner, Ljubomir A Blazini


Das Wetter vor 50 Jahren

Wolfgang Kochs Roman "Das Glück des Janos" imaginiert vor dem Hintergrund des Ungarnaufstands von 1956 eine exemplarische Vita.

Mit dem Aufschreiben von Lebenserinnerungen ist das so eine Sache. Denn unversehens landet man bei der Einsicht, dass man nachher immer gscheiter ist. Memoiren oder Autobiografien sind auch deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil sie immer interpretativ sind. Eine objektive Wiedergabe von Gedanken, Gefühlen oder Ideen, die einem vor fünfzig Jahren durch den Kopf gegangen sind, ist unmöglich, weil sie stets von dem danach Geschehenen überlagert sind.

Die Sachlage wird bei fiktiven Autobiografien nicht einfacher. "Das Glück des Janos" des aus Kärnten stammenden und in Wien lebenden Autors und Journalisten Wolfgang Koch ist ein Beispiel dafür. Koch hat sich nicht wenig vorgenommen. Anhand der in der Ich-Form abgelegten Lebensbeichte eines Budapester Juden aus besseren Verhältnissen widmet er sich den sozialen und politischen Utopien, Irrungen, Wendungen und Katastrophen, die es im 20. Jahrhundert in diesen Gefilden nicht zu knapp gegeben hat. Aufhänger dieser ungarischen Memo-Rhapsodie ist die missglückte Revolution im Jahr 1956. Koch hat sich penibel über die Geschichte Ungarns vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg informiert und sich dabei immenses Detailwissen angelesen - und breitet es nun über dem Leser aus. Dass er sich dabei insbesondere bei der Beschreibung des Horthy-Regimes (1920-1944) bei geschichtlichen Details manchmal etwas verheddert, dürfte nur echten Ungarnexperten auffallen. Für jeden ersichtlich jedoch ist, dass hier eine Art idealtypisches Curriculum vorgelegt wird. Wer kann es einem Juden verargen, wenn er unter dem Joch der ungarischen Pfeilkreuzler und der Nazis seine Hoffnungen auf die Sowjets setzt und der Kommunistischen Partei beitritt? Ebenso folgerichtig wie vorhersehbar scheint aber auch der Schritt, dass er als Sprössling der Bourgeoisie innerhalb dieses Systems einen schweren Stand hat. Es kommt, wie es kommen muss: Janos distanziert sich vom Kommunismus, ist beim Aufstand auf der richtigen Seite und flieht wie viele seiner Landsleute nach Österreich, wo er als Manager beim Roten Kreuz seine Lebensstellung bekommt.

Dieser Reißbrett-Lebenslauf ist dort, wo er aufs Politische baut, leider oft zu geradlinig gezeichnet. Der Wandel vom Sowjet-Bewunderer zum Antikommunisten geht ruckzuck und wird durch die angeführten Schlüsselerlebnisse (Korruptionsversuche oder der Erkenntnis, dass im Betrieb Spitzelakten über die Mitarbeiter angelegt werden) nicht hinlänglich erklärt. Auch hier ist die vermeintliche Gegenwartsperspektive offenbar zu sehr vom späteren Wissen um den Bankrott des real existierenden Sozialismus durchdrungen.

Hingegen überzeugt der Roman gerade in jenen Passagen, in denen es um rein Persönliches geht, um die Unbilden und Ambivalenzen des Alltags, die Konjunkturschwankungen des Gefühlshaushalts, die es eben gibt, wenn das Leben mit einem Schlitten fährt. Der normale Wandel vom gestandenen, durchschnittlich erfolgreichen, sensiblen, liebenswerten und doch auch ein bisschen liederlichen Mannsbild zum verzagten, weinerlichen Witwer, der neben der Last des Alters auch an den Schmerzen, Verlusten und Enttäuschungen kiefelt, die ihm das Dasein - etwa in Person seines Sohnes Mario - so bereitet hat, ist berührend erzählt. In diesen Momenten entschädigt einen der Roman für den zu oft erhobenen Zeigefinger, der dem Leser seine Lehren aus der exemplarischen Vita im Mitteleuropa des 20. Jahrhunderts aufdrängt.

Edgar Schütz in FALTER 47/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×