Das letzte Ritual. Island-Krimi

Yrsa Sigurdardóttir, Tina Flecken


Was nach Ritualmord aussieht, entpuppt sich als fataler schlechter Studentenscherz. Auch die heiße Spur in Islands vulkanische Wildnis führt auf eine kalte Fährte. Die sich abzeichnende Romanze zwischen Anwältin Dóra und ihrem deutschen Kollegen Matthias entwickelt sich dann aber wie in einem Arztroman, auch wenn sie doch noch eine überraschende Wendung nimmt. Anders das laut Klappentext "sensationelle Debüt" aus Frankreich: Bei diesem gibt es gar keine Überraschungen. Sowohl Yrsa Sigurdardóttir als auch Jérôme Delafosse gehen in ihren Debüts von alten Handschriften aus. Die geschiedene Anwältin Dóra Gudhmundsdóttir begibt sich in "Das letzte Ritual" nach einem makaberen Mordfall am Geschichteinstitut von Reykjavik im Auftrag der Familie des Opfers auf die Suche nach einer verschollenen Handschrift, dem sogenannten Malleus Maleficarum. Der Tote war offenbar daran interessiert, einige magische Praktiken daraus nachzustellen. Sigurdardóttir gelingt es, das seltsame Historikermilieu ziemlich gut einzufangen, nur ihre Studenten wirken eher wie Teenager als Twentysomethings. Darauf hätte sie in dem ansonst fein durchdachten Roman mehr Sorgfalt aufwenden dürfen.

Delafosses Protagonist Nathan erwacht ohne Erinnerung an sein früheres Leben. Der Einstieg von "Im Blutkreis" erinnert an die S/F-Storys von Philip K. Dick, und schon bald stellt sich heraus, dass auch hier der Held Teil einer Verschwörung gewesen sein dürfte. Die alte Handschrift gab er vor seiner Amnesie zum Entziffern, nun liegt die Auflösung vor: Seit Jahrhunderten begeht eine mysteriöse Bruderschaft Morde und Leichenschändungen, die letzten Fälle benutzten gar den Völkermord in Ruanda als Tarnung. Nathan zur Seite stehen ein selbstverständlich zwielichtiger Engländer und eine lockige Schönheit, und fast im Alleingang bewahrt er die Welt vor der drohenden biochemischen, nicht aber vor der stilistischen Katastrophe. Während man auf etwaige weitere Ermittlungen von Dóra zumindest neugierig wird, kann man nur hoffen, dass Nathan sich wirklich ins Kloster zurückzieht.

Martin Lhotzky in FALTER 43/2006



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