Ein Stück des Weges gemeinsam. Die Ära Kreisky / Androsch in Texten und Bildern

Beppo Mauhart


"Sein eigenes Werk zerstört"

Buchautor Beppo Mauhart über das zerstrittene Duo Bruno Kreisky und Hannes Androsch, die historische Schuld Franz Vranitzkys, die Erinnerung an die letzte Zigarette und das übersteigerte Ego Hans Krankls.

Geplant war ein Fotoband mit knappem Text, herausgekommen ist ein opulentes Werk: Über 500 Seiten benötigte Beppo Mauhart, um eine Ära in Wort und Bild zu fassen, an deren Ende Österreich "freier, liberaler, toleranter und selbstbewusster" dastand als zuvor. Gemeint ist das "goldene Jahrzehnt" der Siebziger, als SP-Kanzler Bruno Kreisky und sein Team dem Land eine Reform nach der anderen verpassten. Doch im Schatten des Erfolgs wuchs ein erbitterter Konflikt: Kreisky befehdete sich mit seinem jungen Finanzminister Hannes Androsch, der wegen (angeblicher) Eitelkeiten und Unvereinbarkeiten - Androsch trennte sich nicht von seiner Steuerberatungskanzlei Consultatio - in Kritik geriet. Als Pressesprecher Androschs erlebte der heute 73-jährige Mauhart die Streitereien hautnah mit. Danach kam der gebürtige Ennser in die glückliche Lage, Hobbys zum Beruf zu machen: Als Chef der Austria-Tabak-Werke (1988-95) und des Österreichischen Fußballbundes (1984-2002).

Falter: Der vermutliche neue Kanzler eifert Bruno Kreisky nach. Hat Alfred Gusenbauer das Zeug dazu, ein neuer Kreisky zu werden?

Beppo Mauhart: Das Potenzial dazu hat er. Allerdings fehlen ihm die historischen Erfahrungen. Als Kreisky 1970 Kanzler wurde, hatte er Bürgerkrieg, Emigration und Faschismus überstanden. Nur mühsam fand er wieder nach Hause, denn die SPÖ wollte ihn anfangs gar nicht. Diese Erfahrungen prägten seine Persönlichkeit, Kreisky begriff den Unterschied zwischen grauer Theorie und goldener Praxis.

Mit wem soll Gusenbauer regieren?

Vor Neuwahlen sollten SPÖ und ÖVP zurückschrecken, also gibt es zur großen Koalition keine Alternative.

Die historische Schuld dafür geben Sie Ex-SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky, der nach der Machtübernahme Jörg Haiders in der FPÖ die rot-blaue Koalition aufgekündigt hatte.

Vranitzky hätte Haider nie ausgrenzen dürfen. Haider war 1986 nicht einmal in der eigenen Partei mehrheitsfähig. Er wurde nur deshalb knapp gewählt, weil er personelle Kompromisse mit innerparteilichen Gegnern schloss und den Fortbestand der Koalition versprach. Vranitzky hat diese 5-Prozent-Partei ausgegrenzt und sich mit der ÖVP einen fast gleich starken Partner genommen. Die Folge war Haiders Aufstieg.

Hätte die SPÖ bei einer Koalition mit Haider nicht alle Prinzipien über Bord geworfen?

Haider ist doch ein Opportunist. Erst im Glashaus der Ausgrenzung ist er gewachsen.

Sollte Gusenbauer deshalb wie Kreisky eine Minderheitsregierung mit Stützung der FPÖ anstreben?

Dazu fehlen die Voraussetzungen. Wesentlich für Kreiskys Wählerkoalition, die zur Alleinregierung führte, war, dass er mit einem Team angetreten ist. Allein hätte er nie eine absolute Mehrheit gehabt. Als dieses Team zerfiel und nur mehr Kreisky im Mittelpunkt stand, zogen die Wähler den Schlussstrich. Da sehe ich eine Parallele zum abgewählten Wolfgang Schüssel, der ja mit dem Slogan "Er kann's" verloren hat. Diese überheblichen Parolen kommen beim "intelligenten Wahlvolk", von dem Kreisky sprach, nicht an.

Schlüsselspieler war Finanzminister Hannes Androsch, mit dem sich Kreisky nach einigen Jahren zerkrachte. Sie stellen sich eindeutig auf die Seite Androschs. Warum?

Sowohl Kreisky als auch Androsch waren nicht in der Lage, ihre persönlichen Konflikte zu lösen. Sie haben über Gott und die Welt geredet, jedoch nie über ihre Auseinandersetzungen. Aber Kreisky trug mehr Verantwortung. Eine wesentliche Rolle spielte meiner Interpretation nach seine Krankheit: Kreisky verlor die Kraft und die Perspektive, über seine Zeit hinaus die Weichen zu stellen. Persönliche Schwächen traten stärker zutage, etwa ein gewisser Neid. Kreisky war eigentlich stolz auf seinen Finanzminister, hat aber darunter gelitten, dass die Leute bald direkt zum eigenständigen Androsch gegangen sind. Viele Unstimmigkeiten wischte Kreisky brummend vom Tisch, erst in späteren Interviews machte er seinem Ärger Luft. Etwa als Androsch mehr mit dem Posten des Notenbankpräsidenten kokettierte als mit jenem des Parteichefs. Im Nachhinein verstehe ich manchen Groll: Kreisky hat sich seinen Weg mühsam erkämpft, Androsch ist alles zugefallen.

Kreisky hat Sie als Intriganten hinter Androsch gesehen. Wollten Sie sich nun Ärger von der Seele schreiben?

Nein. Der Konflikt hat mich zwar immer sehr belastet. Die Entwicklung war aber nicht ärgerlich, sondern tragisch. Kreisky hat sein eigenes Werk zerstört.

Urteilen Sie nicht einseitig? Androsch hat immerhin eine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung ausgefasst.

Ich bin in dieser Causa zu folgendem Urteil gekommen: Ich wünsche keinem meiner Gegner, in die Fänge der österreichischen Justiz zu geraten. Justiz wird vielfach zu Justizirrtum.

Ist es nicht äußerst problematisch, wenn ein Finanzminister an einer Steuerberatungskanzlei beteiligt ist, die nicht zuletzt dank öffentlicher Aufträge tolle Gewinne verbucht?

Entscheidend ist: Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Consultatio von irgendeiner Aktion des Finanzministers profitiert hat. Das musste sogar Aufdecker Alfred Worm zugeben. Beim ersten Gespräch im Finanzministerium wies Androsch die Sektionschefs an: "Setzen Sie jeden vor die Tür, der glaubt, in meinem Namen intervenieren zu können." Androsch wollte nie von der Politik abhängig werden, das war ein wesentlicher Unterschied zu Kreisky, für den Politik Lebensinhalt war. Die Diskussion um die Consultatio hat Kreisky gezielt aufgebauscht, das hat mich maßlos enttäuscht.

Ähnelte der junge Androsch nicht auch wegen seines mitunter als Überheblichkeit ausgelegten Selbstbewusstseins Karl-Heinz Grasser?

Beiden gestehe ich eine natürliche Arroganz zu, die ein gewisser Selbstschutz ist. Beim Talent zur Selbstvermarktung ist Grasser Androsch überlegen, das muss ich als ehemaliger Pressesprecher mit Neid registrieren. Androsch hat dafür Politik gemacht, da gab es eine klare Linie. Was man vom derzeitigen Finanzminister nicht behaupten kann.

Haben Sie persönlich unter Schwarz-Blau-Orange gelitten?

Meine Ablöse als Chef der Austria Tabak hatte ich noch den eigenen Parteifreunden zu verdanken.

Aber ÖVP und FPÖ haben das Werk dann verkauft.

Das hat mir sehr wehgetan. Der Verkauf war der größte wirtschaftspolitische Fehler der Regierung. Die Austria Tabak hat dem Staat als Eigentümer höchste Gewinne gebracht, von den Steuerleistungen ganz zu schweigen. Ein Bauer verkauft ja auch nicht seine beste Milchkuh.

Selbst rauchen Sie offenbar nicht.

Seit 28. Februar 1964, ein Uhr früh, rauche ich keine Zigaretten mehr. Damals war ich, wahnsinnig verkühlt, mit meiner Gattin auf einem Ball. Nach der letzten Zigarette bin ich eine Woche lang im Bett gelandet.

Trotzdem durften Sie Chef der Tabakwerke werden?

Der Operndirektor soll ja auch nicht selber singen und ein Wirt nicht seinen eigenen Wein wegsaufen. Außerdem rauche ich ja Zigarren. Zigaretten raucht man aus Gewohnheit, Zigarren aus Vergnügen.

Welche Marken?

Fallstaff und Wallstreet, da bin ich meinem alten Unternehmen treu. Natürlich rauche ich auch gerne Havannas.

Zu einer anderen Sucht: Fußball. War das 2:1 gegen die Schweiz die Wende für die Nationalmannschaft?

So weit würde ich nicht gehen. Aber das Ergebnis zeigt, dass man einfach Geduld haben muss.

Trägt Ihr Nachfolger Friedrich Stickler Mitschuld an der Krise?

Es ist nicht meine Art, hinten nach gscheit zu reden. Ich registriere nur, dass mir oft gratuliert wird: "Herr Mauhart, Sie können glücklich sein, Ihr Nachfolger zeigt ja nicht gerade Führungsqualitäten." Ich bin aber nicht glücklich, sondern hätte lieber einen starken Nachfolger im ÖFB.

War der Trainerwechsel gut?

Es war richtig, Hans Krankl durch Josef Hickersberger zu ersetzen. Krankl ist ein bunter Zeitgenosse und ein sehr emotionaler Mensch. Er kann die Hand bei der Hymne aufs Herz legen, ohne peinlich zu wirken. Aber das macht noch keine Mannschaft. Er war ein hervorragender Stürmer, hatte als Trainer aber nie solche Erfolge wie als Spieler. Krankl müsste seine Egozentrik reduzieren. Ich habe immer Trainer vermieden, die sich auf Kosten ihrer Truppe in der Öffentlichkeit profilieren, indem sie Entrüstung über eine schlechte Leistung demonstrieren. Wäre ich noch ÖFB-Präsident, hätte ich entweder Herbert Prohaska oder eben Hickersberger ernannt. Er hat schon einmal ein - übrigens gar nicht so gutes - Nationalteam zur WM gebracht, doch leider hängt ihm das 0:1 gegen die Färöerinseln nach. Hätte Hickersberger damals die Nerven behalten, hätte ich ihn nicht ziehen lassen. Den Journalisten wollte ich nach dem Färöermatch sagen: "Sie wollen alle den Kopf des Trainers, aber Sie kriegen ihn nicht." Doch Hickersberger meinte: "Das wär schön, aber ich halt das nicht aus."

Hat Verteidiger Emanuel Pogatetz mit der Kritik an den angeblich miesen Bedingungen im ÖFB Recht?

Nein. Ich will niemanden persönlich verdächtigen, glaube aber, dass dahinter eine Intrige steckt. Pogatetz hat wohl nicht einmal gewusst, dass die Austria Presse Agentur überhaupt existiert, bevor seine Kritik dort publiziert wurde. Mir tut es leid um ihn. Als sich 2001 viele Stammspieler weigerten, ins politisch unruhige Israel zu fahren, sagte der junge Pogatetz: "Wenn ich im Nationalteam spiel, geh ich auch zu Fuß nach Israel." Wenn er diese Einstellung wieder auf die Waagschale legt, sollte man ihm seine Opfertat nachsehen.

Gerald John in FALTER 42/2006



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