Die Fantasie und die Macht. 1968 und danach

Mitchell Ash


Beruf Revolutionär

1968 hat in Österreich weder zu einer Staatskrise noch zu einer Zeitenwende geführt. Und trotzdem hat es das Denken verändert. In einem neuen Buch erzählen Schriftsteller, Journalisten, Wissenschaftler und ein Banker von ihrem 1968. Der "Falter" bringt einen Auszug aus dem Buch.

Wer einmal mit der Minirevolution der Hörsäle und Wohngemeinschaften in Berührung gekommen ist, kommt davon nicht mehr los. Hier versuchen wir einmal uns selbst zu definieren, indem wir beschreiben, wie die Welt um 1968 aus unserer Sicht ausgesehen hat und was davon geblieben ist", schreiben Raimund Löw und Robert Schindel im Vorwort des neuen Buches "Die Fantasie und die Macht - 1968 und danach". Der Herausgeber und Falter-Autor Löw trug dazu zahlreiche Geschichten von Schriftstellern, Journalisten und Wissenschaftlern zusammen, die darin ihren ganz persönlichen 68er-Mythos schildern. Eine der Erzählungen stammt von Willi Hemetsberger, dem "Roten Willi", der Mitte der Achzigerjahre auch Kurzzeit-Anzeigenverkäufer im Falter-Verlag war. Inzwischen ist der einstige Revolutionär einer der dienstältesten Vorstandsdirektoren der Bank Austria-Creditanstalt mit einer Arbeitswoche zwischen Wien, London, Mailand, München und Prag. In seinem Essay berichtet der Banker, wie ihn das 68er-Jahr und seine Folgen geprägt haben. Im Folgenden Auszüge aus Hemetsbergers "Bekenntnissen eines Babyboomers".

Wo beginnt man die Suche nach der eigenen Vergangenheit? Zumal, wenn die einschlägigen Devotionalien längst verschollen sind? Das Che-Plakat - eines Tages war es so verblichen, dass es ausgemustert wurde. Die Army-Jacke - sie musste, zerfetzt, Ende der Siebzigerjahre auf dem Flohmarkt einer gebrauchten Lederjacke weichen. Der Motorradhelm, der im Nahkampf gegen die rechtsextreme ANR gute Dienste für die gute Sache geleistet hat - irgendwann war er einfach weg. Die Seminararbeiten, die ich einst im Glauben an eine Karriere als revolutionärer Soziologe verfasst habe - zum Glück unauffindbar. Wo fange ich also an? Heute nimmt fast jede Suche ihren Ausgang auf einer Homepage. Also wird diese Methode auch beim Schürfen nach der eigenen Vergangenheit helfen. Schauen wir doch kurz auf der Internetrepräsentanz des "Roten Börsenkrachs" vorbei. Schließlich hat mich der politisch geprägt wie nichts zuvor. Und was finde ich da? Genau, den Fünfzack meiner Jugend - er wird also noch irgendwo hochgehalten, der rote Stern. Daneben lese ich, dass der "Rote Börsenkrach" mittlerweile "die älteste, immer noch funktionierende Basisgruppe an der Uni Wien ist".

Damals. Seither sind immerhin 28 Jahre vergangen. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert also habe ich als Student der Volkswirtschaft zum "Roten Börsenkrach" gefunden. Nach langer, umwegereicher Suche hatte ich dort vier, fünf Jahre lang das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Es gab - im Gegensatz zu jenen Organisationsformen, die ich in meinen dogmatisch bis stalinistisch geprägten Jugendjahren kennen lernen durfte - kein Zentralkomitee mehr, keinen Vorsitzenden, keine formellen Hierarchien. Man musste sich seine Position permanent aufs Neue erkämpfen. Den Basisgruppenalltag machte dies äußerst kompetitiv und mir besonderen Spaß. An den Dienstagen musste man in Rededuellen brillieren, um eine tragende Rolle spielen zu können.

Obendrein musste man fachlich versiert sein, um fundiert Wissenschaftskritik betreiben zu können: Wir waren - bitte um Entschuldigung! - eigentlich Streber. Wir wollten die besten Studenten sein. Wir wollten unsere Diplomprüfungen nur mit den besten Zensuren bestehen. Wir waren also mit einem ausgeprägten Leistungsethos ausgestattet. Vor allem aber waren wir undogmatisch und daher entsprechend beweglich. Wir waren - im krassen Gegensatz zur dogmatischen und zur gewaltbereiten Linken - ganz klar eine reformistische Kraft. Das hat, nebenher erwähnt, mein späteres Leben insofern erleichtert, als ich niemals den aus anderen Gruppierungen so geläufigen 180-Grad-Schwenk vollziehen musste.

Rückblickend betrachtet waren meine Vorstellungen von Rebellion zu jener Zeit jedenfalls schon so systemkonform, dass ich - ohne das zu planen - dabei manch Wertvolles fürs Leben gelernt habe. Zum Beispiel dies: If you can't win, change the game.

So kam es also, dass wir uns jenen Älteren gegenüber behaupten mussten, die immer das passende Marx-Zitat bereit hatten und im Hegel-Kreis brillierten. Als Jüngerer musste man in dieser Umgebung einen Weg finden, wie man den Etablierten die Show stehlen konnte. Wenn sie mit den "Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie" oder mit dem "Kapital" kamen, behaupteten wir, das sei Schwachsinn und nur Ablenkung vom Eigentlichen. Wir wechselten einfach munter den Diskurs und waren damit durchaus erfolgreich. Dass es dabei auch zu Zweckbündnissen mit der Wie-fühlst-du-dich-denn-dabei-Fraktion kam, kann hier nicht verschwiegen werden. Zwar war das für mich keinesfalls eine natürliche Allianz; im Übrigen war meine Glaubwürdigkeit auf dieser Schiene auch bald erschöpft, weil das Sanfte ja unübersehbar nicht meine Liga war - aber immerhin hat auch dieses Bündnis eine Zeitlang gute Dienste getan. Mit dem richtigen Trick, das lernte ich dabei, lassen sich auch die wortmächtigsten, belesensten Gegner aushebeln.

Die Methode habe ich in jenen Jahren perfektioniert, so weit, dass ich später auch bei beruflichen Entscheidungen auf dieses Instrument zurückgreifen konnte - bei meinem Einstieg in jenes Geschäft etwa, das mich heute ernährt. In die faszinierende Welt der Trading Rooms habe ich erstmals als Postgraduate-Stipendiat in Baltimore einen kleinen Einblick bekommen. Im Rahmen eines Uniprojekts hatte ich mit Tradern zu tun und habe dabei erstens gesehen, dass diese Händler viel Geld verdienen. Zweitens habe ich erkannt, dass die meisten zu jener Zeit nicht viel von Ökonomie verstanden haben.

Ungefähr zeitgleich holte mich die Realität ein: Mit einer Karriere als Universitätsprofessor vor Augen durfte ich erleben, wie ein Dutzend bestens qualifizierter Akademiker von diversen amerikanischen Eliteuniversitäten zum "Vorsingen" nach Baltimore kam und sich dort um eine einzige Stelle als Ökonomieprofessor schlug. Die prospektiven Lehrstuhlinhaber kamen von renommierten Universitäten wie Princeton, Harvard, Yale, Chicago, Stanford und eben Johns Hopkins. Und nahmen allesamt bereitwillig in Kauf, dereinst in Baltimore zu leben - in einer nicht wirklich großartigen Stadt. Kurz: All diese Typen wollten genau so einen Job, wie ich ihn eines Tages haben wollte. Die Gefahr, dass ich an einem langweiligen College irgendwo im Mittleren Westen landen würde, war in diesem Moment unübersehbar groß geworden. Also habe ich mich auf jene Strategie besonnen, die ich beim "Roten Börsenkrach" trainiert habe: If you can't win, change the game. Wenn du als Uniprofessor nicht reüssieren kannst, musst du dir eben eine andere Nische suchen, in der du gewinnen kannst - das Investmentbanking zum Beispiel.

Auch in der oberösterreichischen Provinz erwachte die Jugendkultur, die einschlägigen Pop-und Politikikonen boten sich auch bei uns als identitätsstiftend an. Che Guevara war mir dabei näher als Jim Morrison. Und als mich ein Lehrer in der zweiten Klasse Gymnasium beim Zeichnen eines Graffitos - sicher waren Che und das Peace-Zeichen in meinem Werk vereint - erwischte, sollte ich zur Buße ein Referat über den Revolutionär halten. So wurde ganz nebenher in der Recherche und Vertiefung dieses Themas der Grundstein für meine spätere politische Entwicklung gelegt. Also: Erst war ich rothaarig, später wurde ich deshalb auch rot. Bei Demonstrationen und Versammlungen erkannte ich bald meine diesbezüglichen Stärken: Wer auf der Bühne stand und redete, der war nachher auch dem anderen Geschlecht gegenüber gut positioniert. Der Rotschopf, der mir einst nur Belastung war, kam nun in seiner vollen Afro-Pracht breitenwirksam zum Einsatz. Aus dem Schein wurde Sein, und aus dem "Roten Willi" schön langsam jene Marke, die später auch noch Teil meiner Bankeridentität geworden ist: Eines Tages - es muss Anfang der Neunzigerjahre gewesen sein, jedenfalls stand ich längst im grauen Anzug in einem Handelsraum und war "weltberühmt in Wien" - kam der "Rote Willi" gar als Covermodell der Wirtschaftswoche zu Ehren. Und so ist mir der Beiname bis heute geblieben - auch wenn sich die Haarfarbe längst ins Unauffällige ausgewachsen und an den dunklen Anzug angepasst hat.

Das Gefährliche an unserer Weltsicht in diesen ersten Jahren kann ich heute klar benennen: Wir wussten damals ganz genau, was richtig ist. Wir hatten Gewissheiten. Wir waren bereit, das dogmatische System von Marx und seinen Epigonen zu denken. Wir hatten ein Erklärungsmuster für alles, was auf der Welt passiert. Und Dinge, die da nicht hineinpassten, führten wir auf das falsche Bewusstsein der anderen zurück, die die Wahrheit nicht sehen konnten. Man reduzierte die anderen zu psychiatrischen Fällen, wenn sie sich nicht so verhielten, wie die Theorie das vorsah.

Positiv daran bleibt in der Rückschau allenfalls der Umstand, dass man beim Aufenthalt in diesem geschlossenen ideologischen System ein bisschen logisches Denken lernen konnte. Fast wie in der Mathematik lernte man, aus gewissen Axiomen Theoreme abzuleiten, um in der Folge damit alles endgültig zu erklären und zu analysieren.

Vom ideologischen Standpunkt, wie immer ich den über die Jahre auch formuliert hatte, habe ich mich längst verabschiedet. Wo aber stehe ich? Versuchen wir es so: Ich halte das Privateigentum längst für eine nützliche und fortschrittsfördernde Institution. Auch das Privateigentum an Produktionsmitteln. Eigentum erhöht die Sicherheit und wird deswegen zu mehr Wachstum führen. Diese Einsicht könnte jeder nachvollziehen, der mit mir auf den emerging markets in Osteuropa unterwegs ist: Vom Stadtbild her kann man dort erkennen, ob die Stadt zur Habsburger Monarchie gehörte und daher ein Grundbuch hatte, in dem Eigentum an Grund und Boden eingetragen war, oder ob es sich um eine jener Städte handelt, die diese Sicherheit das Eigentum betreffend eben nie bieten konnten. Wer vom westlichen ins östliche Rumänien gefahren ist, wird mich verstehen: Obwohl es sich um ein und dasselbe Land handelt, hinkte die Entwicklung im Osten lange Zeit um viele Jahre hinterher, weil Investoren dort keine vergleichbaren Sicherheiten am Markt fanden. Ich glaube an das Primat der Politik: Dass die Dinge in Europa anders funktionieren als in Amerika ist eine bewusste Entscheidung.

Befreit von den Dogmen, denen ich in jüngeren Jahren gefrönt hatte, genoss ich das Leben nun als Sponti on the road und erkundete auf ausgedehnten Autostopptouren Europa und die revolutionären Möglichkeiten. Autostoppen - das war auf dem Schulweg zwischen Frankenburg und Vöcklabruck schon die effektivste Methode gewesen, ein paar Schillinge zu sparen. Die Schülerfreifahrt gab es in meinen Unterstufenjahren noch nicht; wenn irgend möglich kaufte ich also keine Buskarte, um beim anschließenden Schuleschwänzen liquide zu sein. Später dann, 1977, inzwischen zum Sponti gereift, reiste ich per Autostopp zu den Demos gegen das deutsche AKW Brokdorf und gegen den weltgrößten "schnellen Brüter" im französischen Malville. Ebenfalls per Anhalter ging es in die Türkei. Und auch ins nachrevolutionäre Portugal, wo ich auf einem kollektivierten Landgut, von dem man den Feudalherren eben vertrieben hatte, vorübergehend eine Bleibe fand.

Ein Studienabbrecher der Mathematik öffnete mir dort die Augen. Sein Name? Ist mir abhanden gekommen wie die Army-Jacke und das Che-Poster. Doch sein Einfluss auf mich war nachhaltig. Als Fließbandarbeiter führte er sein revolutionäres Dasein im Kommunistischen Bund Nord, einer maospontanistischen Gruppe, die zu jener Zeit damit beschäftigt war, Glashäuser von industriellen Dimensionen in Dänemark ab-und in der portugiesischen Kooperative wieder aufzubauen. Mir verschaffte die Teilhabe an diesem Projekt eine prägende Erkenntnis: Zielgerichtete Arbeit kann befriedigend sein, auch wenn es nicht jeden Tag genau das ist, was ich gerade am liebsten tun würde. Mein maoistischer Mentor hat mich stärker beeindruckt, als ich es damals vermutet hätte. Er war über die Maßen reflektiert, leicht zynisch und sehr gewandt im Hinterfragen meiner Positionen. In den Diskussionen mit ihm habe ich viel gelernt. Wieder zurück in Wien war ich dem Realitätsprinzip jedenfalls näher als in all den Jahren zuvor: Ich wurde Student der Volkswirtschaft. Die bis dahin tief in mir schlummernde kleinbürgerliche Arbeitsmoral war erwacht.

Der herrschaftsfreie Diskurs hat weniger mit meiner sozialen Ader zu tun, er ist meist einfach wichtig für meine Organisation und damit auch für mich selbst. Ein Beispiel: Gerade im Handel ist es für den Banker wichtig, auch unorthodoxe Ansichten zu hören. Man muss, um ein Risiko einschätzen zu können, möglichst viel über eine Sache wissen und ganz besonders all das, was gegen die eigene Hypothese spricht. Man ist in der Praxis also geradezu darauf angewiesen, nicht von Jasagern umgeben zu sein. Ich habe nichts davon, dass irgendjemand mir nicht widersprechen würde, nur weil ich der Chef bin. Das wäre kontraproduktiv. Daher widerspricht man mir auch leidenschaftlich. Ich brauche den herrschaftsfreien Diskurs, um alle Informationen in einen Pool einfließen lassen zu können. Der herrschaftsfreie Diskurs ist also geradezu eine Voraussetzung für ein funktionierendes Handelsgeschäft. Der einzige Unterschied, der in dieser Hinsicht den ganz frühen "Roten Willi" vom Bankdirektor Hemetsberger trennt: Während der eine damals skandiert hat "Wir wollen alles und das sofort", lebt der andere mit der traurigen, im Ökonomiestudium erworbenen Erkenntnis, dass Ressourcen eben knapp sind, oder wie das ein anderer gescheiterter Ökonom in einem Song treffend formuliert hat: "You can't always get what you want, but if you try ... you will get what you need." (M. Jagger).

Bleibt nur noch anzumerken, dass mir mein Auftritt in diesem Buch unter all den 68er-Veteranen verfrüht erscheint: 1968 war ich gerade erst zehn.

in FALTER 42/2006



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