Warten auf Puschkin

Sergej Gandlewski, Andreas Tretner


Moskauer Erektionen

Mit "Warten auf Puschkin" rechnet Sergej Gandlewski mit der Moskauer Intelligenzija ab und klärt eine alte Frage: Ist Liebe stärker als der Tod?

Lew Kriworotow irrt durch den verschachtelten Gang seines Traumes - vertraute Gerüche, allerlei Gerümpel, "bei jedem Schritt stieß man gegen etwas". Als er erwacht, begreift er, dass er geträumt und eine Erektion hat. Wer die Adressatin des dabei gemurmelten "Ich liebe dich" ist, bleibt ein Geheimnis.

Der Schauplatz von Sergej Gandlewskis Roman "Warten auf Puschkin" ist das Moskau der 1970er und der Gegenwart. Im Lauf eines Tages versucht der fünfzigjährige Dichter Kriworotow Ordnung ins Leben zu bringen - es "lesbar" zu machen. (Der Originaltitel lautet denn auch kokett-ironisch "Unleserlich".) Die großen existenziellen Gesten vergangenen Dissidententums und die einstigen literarischen Ambitionen des Protagonisten, der - wie auch sein Erfinder - der Generation der "verhinderten Dichter" angehört, sind elementarer Ernüchterung gewichen: "Seit drei Jahren trinke ich keinen Tropfen mehr, rauche bloß noch fünf Zigaretten am Tag, verwünsche meinen Bauch beim Schuheanziehen, und seit dem letzten Schlaganfall habe ich einen sprechenden Namen." Kriworotow heißt so viel wie Krumm-oder Schiefmaul.

Krumm muten anfangs auch die eng ineinanderverflochtenen Handlungsverläufe an. Da sind einmal die Weggefährten Nikita und Dodik, allesamt Vertreter jener Moskauer Jeunesse dorée, der "solotaja molodjesch", die es sich im literarischen Underground während der vegetarischen Phase des Kommunismus recht bequem gemacht haben. Gemeinsam eifern sie dem "lebenden Klassiker", dem Dichter Tschigraschow, nach. Der ist das Zentrum des idealtypischen Moskauer Biotops: Der antisowjetische Dandy ist Sohn des Moskauer KGB-Chefs und Stiefsohn eines im Gulag umgekommenen Spanienkämpfers, jetzt gibt er sich unter lauter Begleitung von Bach und Pachelbel am liebsten dem Suff hin. Es werden Pläne wie die Herausgabe einer Anthologie oder das schon sehr viel weniger harmlose Projekt geschmiedet, über die Beringstraße aus dem Paradies der Werktätigen zu fliehen. Die "Tschuktschenbande" fliegt auf, Kriworotow entgeht nur mithilfe seiner Eltern der Verhaftung und verschwindet als Mitglied einer archäologischen Expedition eine Zeitlang in Sibirien.

Eigentlicher Schauplatz dieser an Fantastik kaum überbietbaren und dennoch realistischen Story, in der es keinen Unterschied zwischen postkommunistischem Katzenjammer und vergangener Unfreiheit gibt, ist das Trümmerfeld von Kriworotows Frauengeschichten - recht verzwickte Dreiecks-oder genauer Vielecksverhältnisse. Als Zwanzigjähriger ist er der Geliebte einer "reiferen Frau" namens Arina, ihrerseits Gefährtin des Tschigraschow. Deren Angebot, gemeinsam einen Sohn in die Welt zu setzen, lässt Lew sogleich die Flucht ergreifen. Ohnedies hat er sich schon in die "zickige Altersgefährtin" Anja verliebt - und zwar nicht nur in deren "zarte Ohrmuschel mit dem von einem Silberring gedehnten Läppchen". Überraschende Pointe der Erzählung: Das langjährige und vergebliche Werben um Anja, darunter der waghalsige, rasant geschilderte Versuch, über das Dach eines Hochhauses ins Schlafzimmer der Angebeteten einzusteigen, oder das slapstickhafte Duell mit Nikita um Anja, bei dem die beiden Duellanten nur über eine einzige Pistole verfügen - all das wird als einziges wildes Lamento erzählt.

Warten auf Puschkin" erzählt die Geschichte einer unmöglichen Liebe (in) der Vergangenheit als Geschichte einer ganzen Epoche. Auf der Ebene der klassischen Künstlergeschichte rechnet der Autor vordergründig mit Verlogenheit und Selbstgerechtigkeit der Moskauer Intelligenzija ab. Im Hintergrund steht aber eine noch andere, in der zeitgenössischen Literatur nicht besonders populäre Frage: Ist die Liebe stärker als der Tod? Sergej Gandlewski, Russlands vielleicht bedeutendster zeitgenössischer Lyriker, verfügt über die sprachlichen Mittel, um sie zu beantworten. Mitunter voll alttestamentarischer Wucht - manchmal detailverliebtes Sprach-und Zitatenspiel -, fällt die Antwort ebenso zynisch wie emphatisch aus: Liebe ist stärker als der Tod, wenn sie Literatur wird!

Wer aber gewinnt, verliert. In jedem Fall handelt es sich dabei um eine Antwort, die seit Nabokov kaum jemand mehr so zu geben gewagt hat. Der alles aufhebende Sarkasmus am Schluss: "Und dann ist es Zeit, sich aufs Ohr zu legen: Mit oder ohne Schlaftabletten - das ist hier die Frage! Schafherden rücken an zum Zählappell! Hab ich das nicht schön gesagt? Bravo Kriworotow!"

Erich Klein in FALTER 42/2006



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