Freaks

Joey Goebel, Hans M. Herzog


Really freaked out

Joey Goebels "Freaks" ist ein ebenso pathetisches wie saukomisches Plädoyer wider die Konvention der Humanoide.

Kurz, aber für alle Beteiligten unvergessen war der erste Auftritt der Freaks im Pandaemonium-Club. Er sollte ihr letzter bleiben. Die Band hatte sich gerade ein bisschen warmgespielt, als eine Kugel den Keyboarder Ray an der sogenannten empfindlichsten Stelle traf. Das Konzert wurde sofort abgebrochen. Besonders bitter: Der Schütze war ein früherer GI, der im 1. Golfkrieg von Ray verwundet worden war, einem irakischen Soldaten, der die USA eigentlich nur deshalb besucht, um sein Opfer zu finden und um Vergebung zu bitten.

Empfindsamen Seelen ist von Joey Goebels Roman "Freaks" abzuraten. Der Diogenes Verlag hatte gute Gründe, seinen jungen Hoffnungsträger im vergangenen Jahr erst einmal mit "Vincent" zu präsentieren, bevor er nun diesen durch und durch robust gearbeiteten Erstling nachliefert. Dessen Hauptfiguren wollten also die Konzertsäle erobern: ein durchgeknallter Hobbyphilosoph als Sänger, eine 19-jährige Exstripperin und Satanistin im Rollstuhl an den Drums, eine chronisch geile achtzigjährige im Sex-Pistols-T-Shirt an der Gitarre, eine sozial deviante achtjährige Bassistin - und an den Keyboards eben Ray.

Es lässt sich nicht behaupten, dass Kentucky - wo sie zu Hause sind - auf die Freaks gewartet habe. Auch dort sieht man kleine Mädchen nicht so gern in Nachtclubs, und mit dem Respekt gegenüber Seniorinnen ist spätestens dann Schluss, wenn sie Rauschgift in Verstärkern bunkern. Schließlich muss man ja nicht einmal, wie der Vater der Drummerin, Pastor sein, um sich daran zu stoßen, dass eine achtzigjährige Babysitterin ihren Schützling als Bassistin in ihrer Band beschäftigt. Aber was ist schon ein Pastor? Oder ein Therapeut, der sich redlich bemüht, die alte Dame wieder auf den Weg der Tugend zu bringen? Das sind Idioten, "Humanoide" in Designerhaut, auf die die Freaks mit Verachtung herabschauen.

Wo auch immer die Freaks in Erscheinung treten, gibt es Zoff. Dieser Roman ist ein einziger Zoff, der das Zoffen in allen nur denkbaren Ton-und Lebenslagen variiert. Er setzt sich aus Monologen der Haupt-und Nebenfiguren zusammen, kommt also ganz ohne zentrale, koordinierende Erzählinstanz aus. Jede Figur ist an einem ihr eigenen Ton zu erkennen, aber alle klingen ein bisschen verzerrt und schrill, wie eine Serie schneidender Riffs: die patzige Bassistin, der holpernde Ray, der labernde Sänger.

Am Ende des Romans, die Band hat sich in alle Winde zerstreut, ergreift auch der Autor das Wort und erklärt mit überraschendem Pathos die freakigen Freaks zu den wahren Helden der Gegenwart, weil sie es noch wagen, dem universalen Konformitätsdruck zu widerstehen. Das würde bedeuten, es böte sich in dieser düsteren Welt noch eine Möglichkeit, ein, wenn auch dreckiges, so doch richtiges Leben im falschen zu führen. Soll man das ernst nehmen?

Ernsthaftigkeit ist ein Problem der Humanoiden, die Frage also vollkommen daneben. Also bitte keine hermeneutischen Bemühungen am untauglichen Objekt! Man muss dieses dreckige, saukomische, amoralische und verzweifelte Buch so nehmen, wie es ist: als einen Ausbruch, als ein Aufbäumen gegen so ziemlich alles. Erstaunlicherweise vermittelt es ein irgendwie gutes Gefühl. Wie der Pop-New-Wave-Heavy-Metal-Punk-Rock der Freaks, vermutlich.

Tobias Heyl in FALTER 42/2006



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