Café du Dôme


Leben, um zu leben

Als die Wiener Autorin Anna Gmeyner (1902-1991) erste Erfolge feierte, kam Hitler an die Macht und vertrieb sie nach England. Jetzt wird eine erste umfassende Studie zu Leben und Werk vorgestellt.

Ein kleines spöttisches Lächeln scheint über das Gesicht der jungen Frau mit dem hochgeschlossenen Mantelkragen zu huschen, während ihr Blick an der Kamera vorbei in ungewisse Ferne schweift. Anna Gmeyner ist zum Zeitpunkt der Aufnahme dreißig Jahre alt, die Fotografie, die gegen Ende 1932, Anfang 1933 in einer Zeitung erscheint, wie folgt unterschrieben: "Eine neue Dramatikerin, Anna Gmeyner, wird in Berlin aufgeführt."

Gemeint ist "Automatenbüffet", ihr sozialkritisches, satirisches Zeitstück, das im Theater am Schiffbauerdamm zur Premiere kommt. Moriz Seeler, der Erfinder der Jungen Bühne und Produzent des Films "Menschen am Sonntag", besitzt ein sicheres Gespür für aktuelle Stoffe und führt selbst Regie; die Hauptrollen übernehmen Hilde Körber (die lebensmüde Eva) und Heinrich Heilinger (der sie rettende Adam). Noch während das Stück auf dem Spielplan steht, wird Hitler zum Reichskanzler ernannt, und die ersten Leute werden verhaftet. Die letzte Aufführung findet am 27. Mai 1933 statt. Seeler wird Jahre später von den Nazis deportiert und in Riga ermordet; Anna Gmeyner muss Deutschland verlassen und ihre abrupt unterbrochene Laufbahn unter den erschwerten Bedingungen des Exils fortsetzen. Die österreichische Erstaufführung von "Automatenbüffet" findet erst 2004 im Theater in der Josefstadt statt.

Anna Wilhelmine Gmeyner, geboren 1902 in Wien, gestorben 1991 im englischen York, schrieb Gedichte, Lieder, Theaterstücke, Romane und für den Film. So häufig sie zwischen den Genres wechselte, so oft änderte sie dabei ihren Namen. Ihre frühen Texte zeichnete sie als Anna Wiesner (nach ihrem ersten Ehemann, dem Physiologen Paul Berthold Wiesner), die im Exil entstandenen Romane unter Pseudonym (Anna Reiner), ihr Spätwerk mit dem Namen Anna Murdoch (nach ihrem zweiten Gatten, dem Religionsphilosophen Jascha Murdoch). Die großen Karrieren zeitgenössischer Dichterfürsten sahen in der Regel anders aus.

Bergarbeiter, Fließbandarbeiter, Arbeitslose sind die Protagonisten von Gmeyners vier Bühnenstücken, die thematisch fest in den Diskursen der fortschrittlichen Kräfte der Weimarer Republik wurzeln. Schon die Titel, "Heer ohne Helden" oder "Zehn am Fließband", sprechen für sich. Dennoch kann man Gmeyner, wie Birte Werner in "Illusionslos. Hoffnungsvoll", der ersten umfassenden Studie ihres Werks, schlüssig nachweist, nur unter Vorbehalten als "politische Autorin" bezeichnen. Sowohl die Stücke wie auch ihre Romane haben einen Hang zu metaphysischer Überhöhung; im Fall der Aufführung von "Heer ohne Helden" (1930), das von schottischen Bergarbeitern und einem tödlichen Grubenunglück handelt, wurden die entsprechenden Passagen vorsorglich gestrichen. Statt mit christlicher Seelenpein endete die Inszenierung mit dem von Hanns Eisler vertonten "Lied der Bergarbeiter", dessen Schluss offen die Revolution beschwört: "Und fahren aus den Gruben, / Hohläugig und zerfetzt, / Den Herr'n in ihren Stuben / Vergeht das Lächeln jetzt."

Wechselnder Erfolg war auch Gmeyners Engagements beim Film beschieden. 1931 reist sie nach Moskau, um für Erwin Piscator eine deutsche Version seines Films "Der Aufstand der Fischer" zu erarbeiten (die dann aber nie hergestellt wird). 1933 schreibt sie an Drehbüchern zweier Filme mit, die G.W. Pabst in Paris realisiert: Der eine, "Du haut en bas", die Milieustudie eines Wiener Mietshauses (mit Jean Gabin), stößt bei der Kritik auf wenig Begeisterung, beim anderen, "Don Quichotte" mit Fjodor Schaljapin, wird ihr Name im Vorspann nicht einmal mehr genannt. Ein weiteres Projekt, "La Route sans Fin", das sie mit Paul Falkenberg verfasst, bleibt Exposé.

Ab 1935 lebt Gmeyner permanent in Großbritannien. Dort entstehen ihr bekannter Deutschlandroman "Manja. Ein Roman um fünf Kinder" (Amsterdam 1938), von dem Übersetzungen auch in England und den USA erscheinen, sowie der große Exilroman "Café du Dôme" (London 1941), in dem sie kaleidoskopisch die Schicksale und Geschichten der Vertriebenen in Paris verarbeitet. "Nur eine Frau ist imstande, auf eine Frage zu antworten, die Tausenden heute die Kehle zusammenpresst", meinte Jan Lustig in seiner Rezension im Aufbau. "'Wozu leben wir noch, nachdem uns alles zerstört ist?' - Sie antwortet - und es ist unendlich schwer, das Selbstverständliche verständlich, das Einfache einfach erscheinen zu lassen -, sie antwortet: 'Um zu leben.'"

Aber das Leben ist kein Roman. Alice, die jüngere Schwester der Autorin, begeht im August 1939, nur wenige Monate nachdem sie London erreicht hat, Selbstmord. Anna Gmeyner wird als Zeugin vernommen, sagt, dass Alice über die internationale Krise besorgt und in einem nervösen Zustand gewesen sei; ihre Verletzungen lassen vermuten, dass sie sich zu erhängen versucht und die Pulsadern aufgeschnitten hat, ehe sie aus dem Fenster der gemeinsamen Wohnung in Hampstead gesprungen ist.

"Die Entwicklung, die die Texte von den Zeitstücken zu den Exilromanen nehmen", resümiert Birte Werner, "lässt sich als Prozess beschreiben, in dem Anna Gmeyner ihre im Wortsinne verstandene Chronistenrolle mehr und mehr aufgibt." In den Romanen ist von Revolution keine Rede mehr. Es geht ums nackte Überleben, in den späteren auch um das Leben danach.

Wie sich Gmeyners Tochter, die heute 81-jährig als Schriftstellerin in England lebende Eva Ibbotson, erinnert, mochte die Mutter Wien "überhaupt nicht, aber sie erzählte unglaublich lebhafte Geschichten darüber". In ihre Geburtsstadt ist Anna Gmeyner nicht wieder zurückgekehrt.

Michael Omasta in FALTER 42/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×