Dichte Zugfolge

Lucas Cejpek


Der Fahrgast als Kontrollor

Lucas Cejpek begibt sich mit seinem neuen Buch "Dichte Zugfolge" auf Forschungsfahrt ins Stollensystem der U-Bahn.

Der Wiener Autor Lucas Cejpek, der lange Zeit auch in Graz lebte, wo er unter anderem im Literaturreferat des Forum Stadtpark wirkte, hat ein besonderes Faible für das unauffällig Alltägliche, das Ganz-Naheliegende, dem er sich mit nahezu wissenschaftlichem Interesse hingibt. Ob es sich um die Wünsche der Durchschnitts-Österreicher ("Ihr Wunsch. Gesellschaftsroman", 1996) oder um nicht in Betrieb stehende Fortbewegungsmittel ("In geparkten Autos", 1997) handelt, stets unterfuttert Cejpek seine Schreibarbeit mit den Ergebnissen von Recherchen, die er zu den jeweiligen Themen und Begriffsfeldern unternimmt. Das Nachdenken über die Bearbeitung und Organisation des gesammelten Materials steht im Zentrum von Cejpeks konzeptioneller Poetik.

"Es gibt keinen Unterschied zwischen dem, wovon ein Buch handelt, und der Art, wie es gemacht ist", schrieben Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrem Traktat "Rhizom". Den Verbindungsknollen eines rhizomartigen, zentrumslosen Netzwerks ähnlich, bilden die meist nur wenige Zeilen kurzen Textpartikel von "Dichte Zugfolge" ein Verweissystem mit vielen Anknüpfungsmöglichkeiten oder Korrespondenzen - correspondance heißt auch die Umsteigerkarte der Pariser Métro. Cejpeks U-Bahn-Recherche durchdringt Bereiche der Technik, der städtischen Architektur und der Soziologie ebenso wie der Film-und Literaturgeschichte. Kombiniert werden die sachkundlichen Ausführungen mit persönlichen Beobachtungsprotokollen eines Erzählers, der, im Allgemeinen Fußgänger, nur zu Forschungszwecken die Wiener U-Bahn benützt - und als notierender Fahrgast den unangenehmen Anschein eines Kontrollors erweckt.

Die Metro gilt gemeinhin als das sicherste und am wenigsten problematische Verkehrsmittel. "U-Bahn-Fahren ist kein Abenteuer", lautet auch der erste Satz von Cejpeks Buch. Die U-Bahn ist interpretierbar als Allegorie für zeitgenössische Normalität, Konformität und Ereignislosigkeit. "Die wenigen immergleichen Plakate verstärken die Monotonie, statt für Abwechslung zu sorgen. Die Anzeigen müssen auch nicht auffällig oder unterhaltsam sein. Weil hier normalerweise nichts geschieht..."

Viele Überlegungen und Fakten, die in "Dichte Zugfolge" zum Thema U-Bahn angeführt werden, korrespondieren mit Langeweile. Aufgrund der lückenlosen Videoüberwachung ist die Metro sexfreie Zone, aufmerken lässt hingegen ein Hinweis auf die in Wien praktizierte Vertuschung der in der U-Bahn begangenen Selbstmorde, um "den so genannten Werther-Effekt zu minimieren". Nüchtern sind Darstellungsweise und Erzählton dieses zwischen Fakten und Fiktion angesiedelten Buchs, das von den ersten Zeilen an eine unruhige Gespanntheit beim Leser erweckt. Es ist gerade das Bekannte, das in der Nahaufnahme monströs erscheint; herausgehoben aus seinem üblichen Kontext, überzieht es sich, einmal in das Ordnungssystem von Cejpeks Buch eingebettet, mit einem Schleier von Fremdheit. Die rasche Abfolge der über Assoziationsketten verbundenen Sequenzen befördert eine vagabundierende Lektüre, aus der man, da der Text zahlreiche Bruchstellen aufweist, jederzeit aus-und wieder einsteigen kann. Anders allerdings bei der Thematisierung des Störfalls: Das Buch endet mit in sich geschlossenen Erzählungen von den Terroranschlägen der letzten Jahre und deren Folgen - eben den Attacken auf die Offenheit des Systems.

in FALTER 41/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×