Die Gefangenen auf der Plassenburg. Eine Novelle

Jakob Wassermann, Hans G Rötzer


Der 1873 geborene Jakob Wassermann wählte für seine Werke gerne Schauplätze aus seiner Heimat. Das mag mit der Grund sein, weshalb der einst weltbekannte Autor immer mehr aus dem Gedächtnis verschwindet. Wer interessiert sich schon für ein nordbayerisches Kaff namens Kulmbach? Selbst in Franken hält man Wassermann nur halbherzig in Ehren. Denn seine Schilderung der dortigen Mentalität ist, gelinde gesagt, wenig schmeichelhaft. Im Nürnberg des Romans "Das Gänsemännchen" von 1915 wimmelt es nur so vor Kleingeistern, die unter dem Deckmantel bürgerlicher Moral Krieg gegen Individualisten führen. Ihr Opfer ist der Musiker Daniel, eine Figur, für die sich Wassermann bei Nietzsche bedient hat. Der Exzentriker klammert sich an eine Karriere, die es nicht geben wird, weil sie die Pläne einiger Personen mit Einfluss durchkreuzen würde. Meisterhaft reflektiert der frühe Roman Wassermanns ewiges Thema: die Spirale der Gewalt, die vom Kampf zwischen bürgerlicher Beschränktkeit und dem Freiheitsdrang der selbst ernannten Genies angetrieben wird.

In "Das Gänsemännchen" habe der am 1. Jänner 1934 in Altaussee im Salzkammergut verstorbene Jude die Katastrophe des Nationalsozialismus heraufkommen sehen, urteilt die Germanistik. Interessant ist, dass die Bedrohung in Wassermanns Roman letztlich vom Gejagten ausgeht. Mit seinem pathologischen Geniewahn personifiziert Daniel jene Selbstüberschätzung, die später auch ein Kennzeichen des Nationalsozialismus sein sollte. Auch die 1908 entstandene Novelle "Die Gefangenen auf der Plassenburg" widmet sich einem gewaltförmigen Gesellschaftskonflikt. Zwei Aktivisten der März-Revolution gewinnen 1848 die auf einer Festung im Städtchen Kulmbach internierten Verbrecher für ihren Kampf um Gleichheit und Brüderlichkeit. Doch der Gefängnisaufstand erweist sich als kontraproduktiv. Wie automatisch mündet die mit Mord erstrittene Freiheit in Egoismus, Exzess und Willkür.

Martin Droschke in FALTER 7/2004



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