Gescheckte Menschen

Hugo Hamilton


Mit Hugo Hamiltons "Gescheckte Menschen" erscheint wieder einmal ein freundliches Buch über eine schwierige irische Kindheit.

Man braucht sich um dieses Buch keine Sorgen zu machen, ist der Spitzentitel des Verlages doch mit den allerbesten Referenzen ausgestattet: Bernhard Schlink, A.L. Kennedy, Nick Hornby und die halbe irische Gegenwartsliteratur (Roddy Doyle, Column McCann, Joseph O'Connor, Colm Tóibín) überschlagen sich vor Begeisterung für dieses fantastische, großartige, hinreißend schöne, kluge, kraftvolle, subtile und wundervolle Buch, und die Filmrechte sind auch schon an Neil Jordan verkauft.

"Wenn du klein bist, weißt du nichts. Als ich klein war, erwachte ich in Deutschland. Ich hörte die Glocken, rieb mir die Augen und sah, wie der Wind die Vorhänge bauschte. Ich stand auf, sah aus dem Fenster und blickte nach Irland. Und nach dem Frühstück gingen wir alle aus der Haustür nach Irland und besuchten die Messe."

Die Eingangssätze von Hugo Hamiltons Buch "Gescheckte Menschen" sind geografisch nicht ganz haltbar, aber sie stimmen den Leser mit bimmelnden Glocken auf das ein, was in den nächsten 300 Seiten folgen wird. Hugo und seine Geschwister haben eine deutsche Mutter und einen irischen Vater, sind also mit dem Makel der gescheckten Menschen ausgestattet, die als "Nazischweine" denunziert und mit einem absurden Kauderwelsch ("Gotten Blitzen, fuckin' Himmel") gehänselt werden - und das, obwohl die Mutter eine aufrechte Antinazi ist.

Der Vater tut alles, um seiner Familie eine fleckenlose irische Identität zu verpassen - verbietet den Gebrauch des Englischen und greift schon mal zum Stock, um seinen pädagogischen Maßnahmen die nötige Nachdrücklichkeit zu verleihen. Aber letztlich scheitert er damit ebenso wie mit seinen Versuchen, den Iren irgendetwas zu verkaufen - seien es Oberammergauer Kruzifixe, deutsches Qualitätsspielzeug oder selbst gekochte Süßigkeiten. Er ist ein autoritärer, sturer Eiferer, dessen grotesker Nationalstolz in seiner Weigerung kulminiert, seinen anglifizierten Namen zu verwenden, auch wenn selbst Einheimische außerstande sind, sich Ó hUrmoltaigh (wie Hamilton auf gut Gälisch lautet) zu merken, geschweige denn richtig auszusprechen. In holzschnittartigem Gegensatz dazu ist die deutschstämmige Mutter eine grundgütige, lebensnahe Frau, stets bereit, die Sanktionen des alttestamentarischen Gatten mit sanfter List zu umgehen und sich schützend vor die Kinder zu stellen: "Mutter versüßt uns alles mit Kuchen, Geschichten und Umarmungen, die unsere Rippen krachen lassen." Vor allem aber schüttet sie sich ständig vor Lachen aus - egal, ob mal wieder eine Geschäftsidee scheitert, ob die Kinder mit Erdäpfelpüree das ganze Zimmer versauen oder der Vater dem widerspenstigen Sohn eine Schüssel mit Apfelkompott über den Schädel stülpt. Am Ende setzt sich, wie könnte es anders sein, das sanfte Gesetz der Mutter gegen den plumpen Umerziehungswillen des Vaters durch, der schließlich den "Sprachkrieg" verliert und sogar englischsprachiges Fernsehen konsumiert.

Der Erfolg des Romans, der sich vermutlich auch hierzulande wiederholen wird, ist wohl dem putzigen Tonfall zu verdanken, in dem da in der sekundären Naivität einer völlig artifiziellen Kinderperspektive viele pseudophilosophische Phrasen über Identität, Sprache, Politik und das Leben poetisch aufgemascherlt werden. Man erfährt einiges über die Vergangenheit der Eltern (hauptsächlich der Mutter) und viel über politische Ereignisse (im Hause Hamilton scheint ständig nur über Politik gesprochen worden zu sein - über das Stauffenberg-Attentat auf Hitler, die Okkupation Prags, den Vietnamkrieg ...); aber über all seinem Stoff hat Hugo Hamilton ein bisschen darauf vergessen, von seiner Kindheit und Jugend auch wirklich zu erzählen. Wann und in welchem Zeitraum sich das alles zugetragen hat, bleibt relativ rätselhaft (der Autor wurde 1953 geboren), und der inkohärent zwischen "Kindermund tut Wahrheit kund"-Prosa und erklärendem Kommentar changierende Tonfall lässt den Leser letztlich darüber im Unklaren, ob hier kindliche Unmittelbarkeit behauptet oder aus reflexiver Distanz erzählt werden soll. So bleibt "Gescheckte Menschen" eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger pittoresken Szenen, über denen die Funsel eines "Das Leben ist hart, aber schön"-Geraunes ihr freundlich mildes Licht verströmt.

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2004



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