Reise im Mondlicht. Mit einem Nachwort von Petér Esterházy

Antal Szerb, Christina Viragh


Die kürzeste Hochzeitsreise der Weltliteratur in einem großen Roman über die Liebe: Die "Reise im Mondlicht" des ungarischen Autors Antal Szerb ist zur Wiederentdeckung freigegeben.

Das Buch beginnt dort, wo einen die Liebe im besten Fall hinführt: in einem Gässchen in Venedig. Vorher, in der Eisenbahn, ging noch alles gut. Mihály und Erzsi sind von Budapest aus in die Stadt aller Hochzeitspaare aufgebrochen. Sie - das ist eine gestandene Frau, die für ihre neue Liebe einen sehr reichen und sehr väterlichen Ehemann verlassen hat. Er - das ist ein romantischer Träumer, der noch immer seiner Liebe zu einem weltabgewandt lebenden Geschwisterpaar nachhängt, in dessen symbiotischen Kreis er in jungen Jahren geraten war.

Bis heute ist sich Mihály unsicher, von welchem der beiden Geschwister er mehr angezogen war: Von dem todessehnsüchtigen und hochintellektuellen Tamás oder seiner wunderschönen und nicht weniger intellektuellen Schwester Éva - beide zusammen ein anrüchiges und faszinierendes Paar, das in ihren inzestuösen Begehrlichkeiten und in der anarchistischen Art, in der sie ihr Leben führen, an die Zwillingsgeschwister aus Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" erinnert. Anders als bei Musil spielt die Frage, ob die Geschwister es tatsächlich miteinander getan haben, in Szerbs grandiosem, 1937 erstmals erschienenen Liebesroman keine Rolle. Das Thema wird stets nur von außen, in seinen Auswirkungen auf die anderen, geschildert.

Die Hochzeitsreise, die Szerb beschreibt, ist wohl die kürzeste der Weltliteratur. Mihály verirrt sich in den Gassen Venedigs und bleibt eine ganz Nacht lang weg. Wenig später verlässt der frisch Vermählte den Zug nach Florenz, um einen Espresso zu trinken. Als er gedankenverloren aufschaut, sieht er einen Zug abfahren. Er läuft ihm nach und schafft es gerade noch aufzuspringen. Wenig später wird ihm bewusst, dass es der falsche Zug ist und er sich von jetzt an in die Gegenrichtung bewegt. Mit dem Espresso geht die Hochzeitsreise abrupt zu Ende, und die eigentliche Reise im Mondlicht beginnt.

Unter dem Titel "Der Wanderer und der Mond" war Anfang der 1970er-Jahre schon einmal ein Versuch unternommen worden, das Buch im deutschsprachigen Raum zu etablieren. Was damals vor dem verlagstechnisch unzureichenden Hintergrund einer kleinen, aus Budapest stammenden Edition misslang, scheint heute unausweichlich. Antal Szerb, der im Jänner 1945 aufgrund seiner jüdischen Herkunft in dem westungarischen Lager Balf ermordet wurde und der in seiner Heimat nach wie vor zu den meistgelesenen Autoren gehört, ist im Gefolge von Sandor Marai und allen anderen jetzt neu- und wieder entdeckten Ungarn ein glänzendes Revival gewiss. Zum Verständnis der ungarischen Literatur hat Szerb übrigens auch in anderer Weise beigetragen: 1934 legt der gelernte Literaturwissenschaftler, der an der Universität Szeged lehrte, eine viel beachtete ungarische Literaturgeschichte und wenig später eine Geschichte der Weltliteratur vor.

Auch wenn die jetzige Übersetzung von Szerbs Roman nicht in allen Details gelungen scheint und sich der deutschsprachige Leser an Wendungen wie der "Venedighaftigkeit Venedigs" stoßen mag, bleibt sicher: Letztlich kann man sich auf dieser "Reise" nicht verirren. "Reise im Mondlicht" gehört zu den Büchern, die man gelesen haben muss, wenn man wissen will, wie das so läuft mit der Liebe. Unablässig ist Mihály mit dem einen Thema beschäftigt und unablässig wird er auf seiner Irrfahrt durch Italien vom Autor auf die richtigen Fährten gesetzt. Zur hohen erzählerischen Kunst von Szerb gehört es, dass er in seinem Schreiben dem Zufall seinen Zufälligkeit nimmt. An den entlegensten Orten trifft Mihály auf Menschen, die in ihm die Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Geschwisterpaar wachrufen.

In gleichsam homöopathischen Dosen tröpfeln die Informationen bei ihm ein, bis es schließlich zur Gewissheit wird: Tamás ist an einen schönen, aber doch irgendwie unheimlichen oberösterreichischen Ort gefahren. In jenes ewig finstere Hallstatt, das mittlerweile zum Weltkulturerbe erklärt wurde und in dem man - ebenso wie in Venedig - zumindest einmal in seinem Leben gewesen sein muss und wo sich das tragische Schicksal der beiden Geschwister erfüllt, das von nun an auch Mihálys Denken und Handeln bestimmt.

Es ist die Welt der Väter und der Firmen, die auf das ungeschützte Herz der Hauptfigur drückt. Nicht umsonst, so heißt es in einem der vielen erstaunlichen Sätze des Buches, in dem ein jeder Leser seinen Lieblingssatz finden wird, trage der Mitteleuropäer seine Brieftasche über dem Herzen. Das Geld und die Macht wirken unablässig auf die Liebe ein. Stellvertretend dafür stehen der Vater Mihálys, der seinem Sohn eine Existenz in der eigenen Firma bietet, und der noch viel reichere erste Ehemann von Erzsi, der Mihálys Vater in der Hand hat und der schließlich auch zurückbekommt, was er will. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Schließlich sind die offenen Fragen nicht nur der Kern einer jeden großen Liebe, sondern auch eines jeden großen Liebesromans.

Klaus Kastberger in FALTER 7/2004



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