Das große Lesebuch. Zusammengetragen und mit einem Vorwort von Harry Rowohlt

Alfred Polgar


Dank eines neuen Readers kann man sich wieder durch die funkelnden literarischen Miniaturen von Alfred Polgar lesen.

Wie er wohl war? Betrachtet man die grobkörnige Schwarz-Weiß-Fotografie am Umschlag von Ulrich Weinzierls Polgar-Biografie, so blickt einem ein zarter Mann frühen mittleren Alters mit sanfter Konzentration und ebensolchem Schnurrbart entgegen, die fragile rechte Hand in Denkerpose das Schriftstellerhaupt stützend: Man denkt an Willi Forst in "Bel Ami". Ein anderes Fotoporträt zeigt einen gut sechzigjährigen, gepflegten Mann mit halb gerauchter Zigarette im Mund und einem Anflug von resignativer Melancholie im Blick.

Fest steht: Wenn Polgars sprachliches Stilgefühl von einem entsprechenden für textile Umhüllungen begleitet war, muss er eine beeindruckende Erscheinung gewesen sein.

Obwohl: Arthur Schnitzler, zeitweilig Arzt Polgars und mitunter wegen der einen oder anderen ungnädigen Polgar-Diagnose über eines seiner, Schnitzlers, literarischen Kinder ein wenig grantig, lässt im Roman "Der Weg ins Freie" den Polgar nachgeschriebenen Dichter Gleißner "im Glanze seiner falschen Eleganz" in einem Kaffeehaus am Michaelerplatz sitzen, "mit einer ungeheuren schwarzen Krawatte, darin ein roter Stein funkelte". Und auch in Schnitzlers nachgelassenem Schlüsseldrama "Das Wort" wird die Polgar-Figur als eitel, oberflächlich und verlogen selbstkritisch dargestellt: "Auch das Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit schlägt er um die Schultern wie einen Purpurmantel aus der Maskenleihanstalt."

Substanzlos, oberflächlich, pfauenhaft, ein Blender: Kritische Vorwürfe solcher Art schallten dem Theater-, Opern-, Literatur- und Lebenskritiker Polgar schon zu Lebzeiten entgegen. "Er pflegt geschickt die Kunst der Invektive, er weiß Pointen zu schnellen und macht vom Trampolin des Esprit ganz hübsche Saltos. Er mischt pikante Saucen, und die Sauce ist ihm stets wichtiger als der Braten", so ein Polgar-Zeitgenosse. Der gotthilffischerchöregroße Chor der Polgar-Adoranten zwitscherte aber eine ganz andere Melodei: Für Kurt Tucholsky etwa war Polgar der "feinste und leiseste Schriftsteller", "notre maître à nous tous", und zwar weil er, also Polgar, "aufs Augenhärchen genau" sagen könne, was er sagen wolle. Musil, Broch, Kafka und Benjamin fanden und sangen Ähnliches.

Harry Rowohlt, Übersetzer, Kolumnisten- und Überhaupt-Legende, Verlegersohn und nebenprofessioneller Penner-Darsteller, hat den greisen Polgar anno 1951, sechsjährig, im Zürcher Hotel Urban kennen gelernt: "Ich war völlig verzaubert von dem Mann." Zwei Jahre später bekam Rowohlt von Polgar einen Brief samt 100-Mark-Schein, gezeichnet mit "Dein Freund Alfred". Eine lebenslange Polgar-Verehrung sollte die verständliche Folge sein.

Marcel Reich-Ranicki hat in Zusammenarbeit mit Ulrich Weinzierl in den Achtzigerjahren eine sechsbändige Polgar-Werkausgabe herausgegeben: Sie ist weitgehend vergriffen. Nun hat also Rowohlt gut 130 Arbeiten des Meisters der kleinen Form "zusammengetragen", präzise, leise Prosaskizzen des, wie Thomas Mann meinte, "lyrischen" Journalisten Polgar. In dem literarischen Leporello entfaltet sich so die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts in kleinen, feinen, Wien-zentrierten Bildern. Von den zwei Weltkriegen registriert Polgar die Nachbeben im Kleine-Leute-Alltag gleich einem sozioemotionalen Seismograf.

Meist war es - wen wundert's - grau und nass und kalt in Wien. Zumindest anno "1921" aber war alles eitel Sonne: "Das ist ein Herbst, wie er, so weit die Erinnerung der Lebenden reicht, noch nicht da war. Kein Mensch, der es nicht wüsste, sähe dem Jahr die neun Monate an. Es sieht aus wie sieben. Weich gepolstert ist die Luft. Man ruht aus, wenn man sich an sie lehnt. Licht und Wärme sind hingegossen über den Tag: es sonnenscheint in Strömen, möchte man sprechen. Was grün war, ist immer noch grün, neu blüht die Kastanie, in den Gärten spielen sommerlich die Kinder, strampeln Wiegensäuglinge sich den Flanell vom Leibe. Die Fliege summt, wie in Hundstagen stinkt es in der Straßenbahn, schmachtet das Herz nach Bier und Liebe."

Die nach Polgar-Texten schmachten, können jetzt also hingehen und Polgar lesen, mit Liebe und natürlich auch mit Bier.

Stefan Ender in FALTER 7/2004



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