Raubzug. Der teuerste Fisch der Welt und die Jagd nach seinen Jägern

G. Bruce Knecht


Moby Dünn

Die Jagd nach dem teuersten Fisch der Welt. Klingt gut. Sieht gut aus. Verspricht aber mehr, als es hält.

Das Südpolarmeer zwischen meterhohen Wellen, kilometerlangen Eisbergen und gefrierenden Eisschollen war vor drei Jahren Schauplatz einer dramatischen Jagd. Ein Schiff der australischen Fischereiaufsicht entdeckte einen unter uruguayischer Fahne segelnden Trawler, der in der 200-Meilen-Zone rund um die zu Australien gehörende Heard Island nach Schwarzem Seehecht fischte. Statt die Fischpolizisten an Bord zu lassen, nahmen die Fischpiraten mit ihrer wertvollen Ladung Reißaus nach Westen, Richtung Uruguay, quer durchs Südpolarmeer. Und die Australier hinterher.

Das ist kurz gefasst die Story von "Raubzug. Der teuerste Fisch der Welt und die Jagd nach seinen Jägern", ein Buch, das als deklarierte Mischung aus Roman und Sachbuch daherkommt. G. Bruce Knecht, sein Autor, schreibt für das Wall Street Journal und wurde zweimal für den Pulitzer-Preis nominiert. Er ist also ein anerkannt guter Journalist. Und er verficht ein ehrenwertes Anliegen und mit ihm sein Verlag: Man möchte die gleichgültige Weltöffentlichkeit darauf hinweisen, dass die Weltmeere bald leer gefischt sein werden.

Jahrhundertelang glaubte man, die Ozeane böten einen unerschöpflichen Vorrat an Fisch. Bis vor Jahren plötzlich die Kabeljaubestände im Nordatlantik so rapide zurückgingen, dass der Speisefisch vom Aussterben bedroht und die Fischer ihrer Existenz beraubt waren.

Die Kabeljau-Fischer sattelten deshalb auf andere Fischsorten um wie den Schwarzen Seehecht, einen Fisch, der vor wenigen Jahrzehnten als Speisefisch völlig unbekannt war und deshalb ein unbehelligtes Dasein fristen durfte. Bis er von den Spitzenköchen in den USA zur Delikatesse erklärt wurde. Schon nach wenigen Jahren wiederholte sich die Geschichte des Kabeljaus: Auch der Schwarze Seehecht ist in seinen Hauptfanggebieten vor der südamerikanischen Küste innerhalb weniger Jahre so dezimiert worden, dass die Fischer bis ins Südpolarmeer fahren, um ihn dort zu fangen.

Deshalb will die australische Fischbehörde endlich ein Exempel statuieren und den flüchtigen südamerikanischen Trawler zur Not bis in den Hafen von Montevideo verfolgen. Aus dieser Jagd hätte ein Autor wie Herman Melville, dessen "Moby Dick" vom Verlag als Vergleichsgröße herangezogen wird, einen umwerfenden Roman gemacht. Auch Knechts Geschichte liest sich zeitweise durchaus spannend. Doch was ihm fehlt, ist Poesie: Knechts Dialoge sind hölzern, seine Beschreibungen flau.

Der Autor hat aufwendig recherchiert, doch schon nach wenigen Kapiteln erschließt sich einem die Dramatik des Geschehens nicht mehr. Da fährt ein Boot dem anderen hinterher, ab und zu sprechen die Kapitäne über Funk miteinander - na und? Warum brauchen die Australier mehr als zwei Wochen, um endlich zum Entschluss zu kommen, die Wilderer einfach zu entern?

Schlimmer als das wiegt jedoch, dass das Buch als freche Mogelpackung daherkommt. Es fängt beim Titel an: Der Schwarze Seehecht ist keineswegs der teuerste Fisch der Welt, sondern ein ehemaliger Allerweltsfisch, der zum Modefisch gemacht wurde. In den USA, wo er besonders beliebt ist, ist er küchenfertig im Einzelhandel für nicht mehr als 35 Dollar das Kilo zu haben. Da gibt es bedeutend teurere Fische. Das Buch ist mit einer Reihe von Schwarz-Weißfotos ausgestattet, um die Authentizität des Beschriebenen zu bestätigen. Man sieht die Schiffe, Eisschollen und einige der handelnden Personen. Doch wer hat diese Fotos gemacht? War der Autor mit an Bord? Oder hat er sich alles später erzählen lassen?

Das ist das größte Problem dieses Buches: Die Quellenlage bleibt völlig im Dunkeln. Der Leser kann nur raten, ob und wann hier Fact mit Fiction vermischt wurde. Das und der Mangel an Poesie lassen die Brisanz des Themas schnell verpuffen. Schade.

Thomas Askan Vierich in FALTER 40/2006



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