absolute(ly) Sigmund Freud Songbook

Klaus Theweleit


Kokain und Marmor

Klaus Theweleit sucht nach Spuren Sigmund Freuds in der Popkultur.

He adopted as his credo, ,Down repression, up libido'", hieß es in David Lazars "Die Ballade von Sigmund Freud" (1960). Es ist einer von Dutzenden Songtexten, die der deutsche Psychohistoriker Klaus Theweleit für die von ihm und Martin Baltes herausgegebene "absolute"-Reihe des Orange Press Verlages zusammengetragen hat. In dem Essay über Freud und die Popularkultur stellt Theweleit klar, dass Freud mit Musik ("In der Musik bin ich fast genussunfähig") und Kino ("Will mit keinem Film persönlich in Verbindung gebracht werden") nichts am Hut hatte, das von ihm erforschte Unbewusste aber genau in ihnen ein Medium fand.

Darin mag auch der Grund liegen, warum Freuds Lehren in den USA so schnell institutionalisiert wurden - auch als Wissenschaft zur Erforschung der Seelen von Konsumenten. Das Produktionssystem des Fordismus und das freudianische Wunschmodell ergänzten sich komplementär. So konnte der Freudianismus zu einem Bindeglied zwischen Amerikanisierung und Moderne werden.

Souverän stellt Theweleit auch die Karriere des Wiener Arztes dar. Dessen Obsession folgend, in Details eine versteckte Wahrheit zu suchen, greift er den Marmor als Leitmotiv heraus. Wie schaffte es ein unbekannter Psychiater, auf den Ruhmessockel aus Marmor zu gelangen? Hypnose, Kokain, Nasenoperationen waren lauter Versuche einer physiologischen Erklärung von Hysterie und Neurose. "Freuds Größe zeigt sich in der Kraft der Verwerfung alles Bisherigen", schreibt Theweleit.

Erst der in der Traumdeutung dargestellte Selbstversuch bringt ihn dem Marmorsockel näher, indem er sich von der Naturwissenschaft abwendet und seine Methode als Kunstform entwickelt: die Kunst, den andern in seinen eigenen Worten zu sich selbst kommen zu lassen. Die Mediziner haben es ihm nie verziehen, dass er den Akt der Heilung durch einen Akt des künstlerischen Spiels ersetzte. So rückte der Marmorsockel für medizinische Leistungen weiter vor in die Mitte der Gesellschaft.

Matthias Dusini in FALTER 40/2006



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