Rabenangst.

Andreas Renoldner


Unter Raben

Andreas Renoldners Roman "Rabenangst" lässt sich fantastisch, philosophisch und satirisch lesen.

Andreas Renoldner zählt seit Jahren zu den produktivsten österreichischen Autoren. Trotz zahlreicher Hörspiele, Romane, Erzählungen und Kinderbücher ist er jedoch nach wie vor ein in Kleinverlagen publizierender, wenig besprochener Geheimtipp, der – wenn überhaupt – zumeist als "oberösterreichischer Autor" in die regionale Schublade gesteckt wird. Seine neun Romane behandeln, als kleine Geschichten verkleidet, in exakter, oft karg anmutender Sprache ganz große Themen, erzählen von problematischen Charakteren und deren Verstrickung in fundamentale Probleme der Gegenwart.
Die Erzählung "Rabenangst" passt gut in diese Ahnenreihe. Mit 175 Seiten nicht allzu lang, erzählt die fein konstruierte, sprachlich (die Dialoge!) und psychologisch überzeugende, in einem Zug zu lesende und dennoch ungemein vielschichtige Charakterstudie von einem gutsituierten Ehepaar jenseits der sechzig. "Herr Karbacher", wie seine Frau ohne Vornamen, verliert nach einem glimpflich verlaufenen Unfall die Fähigkeit zu sprechen und muss sich fortan mittels handgeschriebener Zettel verständigen. Dem Verlust der sprachlichen Kommunikation folgt ein Rückzug in Etappen: Karbacher verliert schließlich den Bezug zur Realität und bildet eine Form von Paranoia aus, die, ausgelöst und kommentiert von geheimnisvollen, in seiner Handschrift verfassten Botschaften, seinen Tagesablauf mehr und mehr bestimmt.
Der Prozess der Verwandlung des rüstigen Pensionisten in einen gehetzten, vor oft nur ihm sichtbaren Vögeln flüchtenden Sonderling, von seiner Umgebung im Wortsinn unverstanden und von der eigenen Frau für verrückt erklärt, ist im Buch in seiner ganzen verqueren Logik dargestellt. Renoldner lässt weder Mitleid noch Schadenfreude aufkommen, bleibt stets distanziert und verschafft dem Plot einen doppelten Boden: jenen durch die eingeflochtenen Zettelbotschaften subtil verrätselten Subtext, der für Karbacher mehr und mehr die Rolle der Realität übernimmt.

Auch das Buch selbst funktioniert auf mehreren Ebenen. "Rabenangst" kann als spannende fantastische Erzählung gelesen werden, als Satire über das Verhältnis der Menschen zu Natur und Technik, oder aber – durchaus unpeinlich – als philosophisches Gleichnis von der Erkenntnisfunktion der Sprache.
Dass sich der Autor angesichts derart großer Vorhaben in einem so schmalen Buch nicht "überhebt", zeugt von seinem erzählerischen Können. Und so wünscht man Andreas Renoldner endlich eine größere Leserschaft und sich selbst, irgendwann einen von ihm verfassten dicken Wälzer in Händen zu halten. Es scheint fast, als seien seine bisherigen Bücher handwerklich immer besser werdende Fingerübungen, kleine Startrampen für einen großen, vielleicht anachronistischen, aber sicher lesenswerten "Zeitroman". Zuzutrauen wäre ihm ein solcher zweifellos.

Manfred Müller in FALTER 40/2006



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