Krieg und Welt

Waterhouse, Peter


Ein Hauch von James Bond

Peter Waterhouse befragt in seinem monumentalen "(Krieg und Welt)" die Biografie seines Vaters, der für den britischen Geheimdienst arbeitete.

Es gab den themenlosen Himmel", heißt es am Ende des Buches, das gerade aufgrund seiner Thematik beworben werden konnte: Der Vater des 1956 geborenen Peter Waterhouse war im britischen Geheimdienst, und das lässt eine Fülle von Themen und vor allem von erzählbaren vermuten. So verhält es sich auch, doch der Autor ist klug und macht vom Überfluss nur kalkulierten Gebrauch. Der Erzähler des Buches – auf eine Gattungsbezeichnung wird vorsorglich verzichtet – geht behutsam vor; Schritt für Schritt erkundet er die Vergangenheit, das Leben seiner Familie: Der Vater Brite, die Mutter Österreicherin. Die Schauplätze wechseln; da gibt es Malaysia, die Operationsbasis des Vaters im Fernen Osten, Köln, wo der Vater später stationiert war, London und eine Stadt in England, den Geburtsort des Vaters, vor allem aber ist es Österreich, Wien, bezeichnenderweise die Grenzregionen in Kärnten und Niederösterreich, so auch im Friaul, in Venetien und Slowenien.
Der Vater – er hatte nach 1930 in Cambridge Französisch und Deutsch studiert – war höchst sprachbegabt und qualifizierte sich dadurch für den Geheimdienst. Der Sohn – und ich hüte mich, diesen ohne weiteres mit dem Autor in eins zu setzen – versucht, das Leben seines Vaters vor allem aus schriftlichen Zeugnissen zu rekonstruieren. Da gibt es Briefe, Notizen, Sprachlehrbücher, aber auch persönliche Erinnerungen. So schickt sich der Erzähler an, befremdliche Botschaften zu dechiffrieren, und die Leserschaft wird in diesen Prozess eingespannt, denn die Fragen werden an diese weitergegeben.
Da der Autor in seinen Sprachen – im Englischen wie im Deutschen – zu Hause ist, kann er sich auch zwischen diesen bewegen. Vieles lässt sich an wie eine im besten Sinne philologische Analyse von Übersetzungsvorgängen. Besonders hervorzuheben ist die feinsinnige Interpretation eines Gedichtes von Andrea Zanzotto. Waterhouse beharrt nicht auf der lexikalisch fixierten Bedeutung einzelner Worte oder Wortgruppen, sondern knüpft daran oft überraschende, aber immer höchst aufschlussreiche Assoziationsketten. Im Handumdrehen wird so aus dem, was sich wie ein Stück Autobiografie anließ, ein Buch über das Übersetzen und somit auch ein Stück angewandter Sprachphilosophie. Doch immer dann, wenn man sich in den mitunter höchst amüsanten Labyrinthen, auf den Umwegen durch die Sprache und in die Sprachen verirrt hat, steht man plötzlich auf einem freien Platz, der zum Ausgang des Unternehmens zurückführt, eben zum Leben des Vaters.
Die lückenhafte Biografie eines Mannes, der das Fremde erkunden musste, wird so zu einem Grundmuster auch für die Übersetzertätigkeit des Sohnes. Gerade diese Rückkehr zum ursprünglichen Substrat verhindert, dass aus dem Ganzen so etwas wie eine unverbindliche Sprachspielerei wird; viel eher wird bewusst, wie sehr das Sichabarbeiten an den Bedeutungen und Sprachunterschieden in allen ihren Höhen und Tiefen mit unserer Lebenswelt verknüpft ist. Auch ein Hauch von James Bond (dieser Name fällt an entscheidender Stelle) weht über das Ganze hin. Einmal werden Formeln aus einem englischen Handbuch für das "Militärpersonal" zur Erlernung des Russischen zitiert. Diese Sätze lassen erahnen, was zwischen ihnen der Fall ist.
Für Schrecken, für Widersprüche, für die Ungerechtigkeiten, ja auch für Komik hat Waterhouse ein feines Organ entwickelt, aber er gerät nie ins Moralisieren, und die Methode, mit der er das Schaudern sprachlich fasst, ist sein bestes Teil. Rätselhaft bleibt, warum der Vater, "zurückkehrend Monat für Monat und für Jahr, nichts erzählt von den Reisen, nichts der zu Hause auf ihn wartenden, allmählich immer weniger auf ihn wartenden Frau, (...) nichts dem Kind, das dieses nichts, nichts erzählen aber vielleicht spürte, das Verreisen fast spürte als ein Nichts-Werden".

Das Geheime, das der Dienst erfordert, wird so zum Motor des intensiven Fragens. Gerade weil er den Stoff nicht ausbeutet oder mit dessen Besonderheiten kokettiert, ist Waterhouse ein Buch gelungen, in dem die Dezenz des Verfahrens und die nie nachlassende Spannung zueinander in glückliche Konjunktion treten. Es geht auch um "das Zarte, das einherging mit dem sprachlosen Erzählen", um eine Kommunikation jenseits der Sprache. Unter diesem "themenlosen Himmel" ist kein Platz für pathetische Gestik oder Sentimentalität. Wer so sorgfältig wie dieser Erzähler die Möglichkeiten der Sprache auslotet, der kann auch vom Tod seiner Frau in einer Weise sprechen, die berührt, aber nicht beklemmt.
Vieles in diesem Buch erinnert an die früheren Schriften von Peter Waterhouse; aber noch nie hat er eine so gewichtige Synthese unterschiedlicher Verfahren gewagt, noch nie wurde das Unverwechselbare, das seine Poesie kennzeichnet, so deutlich konturiert. Was den Umgang mit Biografischem, was den Umgang mit Geschichte, ja mit der Sprache angeht, wüsste ich diesem Werk nicht so bald etwas an die Seite zu stellen. Der Anklang an Tolstois Roman im Titel ist alles andere denn vermessen. Ich habe dieses Buch in einem Zug ausgelesen; keine leichte Lektüre, gewiss, aber eine belebende, von Satz zu Satz.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 40/2006



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