Weiter


"Dreck muss es geben"

In "Weiter" erzählt der Wiener Xaver Bayer vom Martyrium eines Computerfreaks. Er selbst hat in einer behüteten Kindheit viel am Computer gespielt, sich aber auch eine Vorliebe fürs Verkommene erworben.

Heinestraße, spätsommers, frühnachmittags. Fern tost der Praterstern, die großstädtische, boulevardeske Anlage der Straße gibt sich kleinstädtischem Dämmerzustand hin. Im Gastgarten eines Cafés, in dem sonst fast niemand sitzt, sitzt Xaver Bayer.
Er ist groß, schlank, jung, trägt ein hellblaues Hemd, eine dunkelblaue Cordhose und Clarks; des Weiteren umgibt ihn eine feste Hülle aus Kontrolliertheit und, fallweise, Beklommenheit. Aus dieser Panzerung leuchten große braune Augen wie Schlupflöcher der Traurigkeit und Sehnsucht.
Der Wiener Bayer, Jahrgang 1977, hat sich in den letzten Jahren eine fixe Position in der österreichischen Jungliteratenlandschaft erschrieben – ein bisschen im Schatten von Stilchamäleon Thomas Glavinic und Every-Bestsellerlists-Darling Daniel Kehlmann. ("Jede politische Ära hat die Schriftsteller, die sie verdient", wird Bayer gegen Ende des Gesprächs sagen: "Handke ist groß geworden in der Zeit von Kreisky und Brandt, Kehlmann in jener von Schüssel und Merkel.")
"Heute könnte ein glücklicher Tag sein" heißt Bayers erster Roman, tatsächlich aber wird es für den Protagonisten desselben fast nie einer. Generell gilt, dass Bayers Helden viel trinken und nicht wissen, was sie tun sollen; sie sind gern oder auch ungern einsam, neigen zu Selbstverstümmelung und anderen psychopathologischen Verhaltensweisen. Etwas Märtyrerhaftes haftet ihnen an, Unruhe treibt sie. Weiter muss es gehen, weil so vieles unerträglich ist, Stillstand aber am unerträglichsten.
"Weiter" heißt denn auch der dritte, soeben erschienene Roman des heute 29-Jährigen – es ist sein bislang stärkster, dichtester, packendster. Für die Hauptfigur, den jungen Mitarbeiter eines Computerspielmagazins, ist seine Umwelt kaum mehr als eine Vergleichsmöglichkeit mit den virtuellen Realitäten von Computerspielen: der Himmel eine tolle "Grafik", seine Erlebnisse "Rollenspiel-Adventures"; das "Setting" eines Dorfs erscheint ihm bemerkenswert, vor allem die "abgetragenen, grobpixeligen Körper" der Einwohner. Mit der Entfremdung von der Welt geht auch eine Selbstentfremdung einher: "Etwas in mir hatte sich versteinert und abgelöst, war mir abhanden gekommen, weit hinab in die Dunkelheit der Schluchten meines Ichs. (...) Mein Empfinden der Welt gegenüber war von undurchdringlicher Indifferenz beherrscht, und meine eigene Existenz ein Vehikel, dessen Korpus die Apathie und dessen Motor das Misstrauen war."
Ist Xaver Bayer der nächste große Schmerzensmann der österreichischen Literatur – diesbezüglich den beiden großen Welt- und Selbsthassbeschreibmaschinen Bernhard und Jelinek nachfolgend? Nein, meint Bayer, denn im Gegensatz zu diesen beiden sähe er sein schriftstellerisches Ideal darin, Welt und Ich, Realität und poetische Obsession gleichermaßen festzuhalten. Die banale Einstiegsfrage – wie viel Xaver Bayer denn in den Werken von Xaver Bayer stecke – hatte der Befragte da schon mit einem Lächeln beantwortet, um dann weiterführend zu erläutern, dass es natürlich eine Art Biografie sei, die er in seinen Romanen erzähle, aber: "Der Aspekt des Sich-etwas-von-der-Seele-Schreibens ist nicht zentral, es ist etwas, das mitpassiert. Der zweite Roman, ‚Alaskastraße', war schon sehr heftig und intim ans Ich gehend. Mit ‚Weiter' habe ich dann auf eine gewisse Art mein Ich zerstört."
Eigentlich, spricht Bayer mit leiser, sanft monotoner Stimme weiter, hätte er zuerst ein anderes Buch schreiben wollen, die Geschichte eines Meteoritenforschers in der Antarktis. "Es war dann auch schon fertig, aber ich fand, dass da etwas Verlogenes drin ist. Ich habe das Ganze noch einmal geschrieben, und erst da ist ein kleiner Teilaspekt der Geschichte – die Computersache – dann plötzlich zur Hauptsache geworden. Wobei mich das Thema immer schon interessiert hat, weil ich bereits als Kind viel Zeit damit verbracht habe. Computerspielen ist schon eine gute Sache. Es gab für mich eine Zeit lang nichts Schöneres – und ich versteh das auch bei anderen Leuten, wenn sie für drei Tage die Jalousien runterlassen, sich einrauchen und in eine Welt eintauchen, in der es vermeintlich aufregender zugeht als in der normalen."
Bayer verneint die Frage, ob Mahnung vor gesellschaftlichen Problemen Beweggrund für die Themenwahl gewesen sei, um dann aber doch der Politik die Leviten zu lesen: "Das Problem ist, dass sich die Politiker nicht fragen, warum sich immer mehr Jugendliche betäuben wollen, um aus dem Alltag rauszukommen. Kaum einer meiner Freunde nimmt keine Psychopharmaka oder geht nicht zur Therapie. Die Politiker fragen nur eben nicht danach, was die Leute dazu bringt; denn dann würde sich der Fehler in der Politik finden."
Was hat Xaver Bayer früher, abgesehen vom Computerspiele spielen, denn so gemacht? Wie sehen die Kindheitserinnerungen des Wieners aus? "Ich bin als Kind länger krank gewesen, immer wieder, und ich habe auch viel gelesen. Wenn ich am Land war, habe ich mir oft ein Buch aufs Fahrrad geklemmt, bin irgendwohin geradelt und hab dort gelesen, das war immer eine Gegenwelt für mich. Sonst: gute, wohlmeinende Eltern, ein Bruder. Ich komme aus einer Arztfamilie, bin in Wien aufgewachsen, gut behütet, fast unter einer Art Glasglocke."

Vielleicht kommt daher die Sehnsucht Bayers nach schmutzigen, unperfekten, patinabehafteten Orten. Wenn er von seinen Lieblingsorten in der Stadt erzählt, sich an seine vielen – mittlerweile größtenteils geschlossenen – Lieblingskinos erinnert oder vom Prater schwärmt, hellt sich sein gefasstes, schwermütiges Mienenspiel für kurze Momente zu einem Strahlen auf: "Ich habe immer eine Affinität gehabt zu Rotlichtvierteln und zu Lunaparks. Ich hab mir vor kurzem gedacht, wie ich durch meinen geliebten Prater spaziert bin, dass sogenannte verruchte Orte eine volkshygienische Funktion haben: Man kann das Dreckige, das in einem ist, das Grausame, das Irrationale, dort loswerden. Ich finde es bedenklich, dass Prostituierte in allen europäischen Städten immer mehr an den Stadtrand gedrängt werden, und auch die Lunaparks werden immer mehr zu klimatisierten, überdachten Entertainment-Centern, die mit ihrer Sterilität protzen. Es muss das Dreckige, die Schattenseiten geben, sonst wird etwas im Mensch verleugnet."
Fällt ihm das Schreiben leicht oder schwer? Ist er ein disziplinierter Schreibarbeiter? "Schaue ich so aus?", Bayer lächelt,. "es gibt Zeiten, wo ich schreibe, und welche, wo ich nicht schreibe – was auch irgendwie unangenehm ist, weil ich dann immer ein schlechtes Gewissen habe. Und ich lebe auch weniger intensiv, wenn ich nicht schreibe. Man muss schon versuchen, etwas zu tun, auch wenn es einen nicht freut. Grundsätzlich habe ich's gern, wenn ich schreibe, und dann vom Schreiben müde und zufrieden bin. Das ist ein gutes Gefühl. Und was bei dieser Arbeit das Wichtigste ist: Man muss ehrlich sein. Sonst heißt das alles nichts."
Heinestraße, spätsommers, nachmittags. Nach dem offiziellen Ende des Gesprächs wird noch weiter und weitergeredet, dann aufgebrochen. "Bekommen Sie die Getränke bezahlt?" – "Nein." – "Dann lade ich Sie ein." Danke schön. Dann fährt Xaver Bayer davon. Mit dem Auto. Und mit der Glasglocke um ihn herum.

Stefan Ender in FALTER 40/2006



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