Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbstständigkeit


Selbst und ständig

Der italienische Sozialwissenschaftler Sergio Bologna untersucht die Neuen Selbstständigen. Wenn sich der Soziologe Sergio Bologna mit den Neuen Selbstständigen befasst, dann weiß er aus eigener Erfahrung, wovon er schreibt. Anfang der Achtzigerjahre war der italienische Sozialwissenschaftler und Mitstreiter von Antonio Negri gezwungen, vor den staatlichen Repressalien, die damals linke Intellektuelle reihenweise ins Gefängnis brachten, nach Deutschland zu fliehen. Mit über fünfzig sattelte der entlassene Hochschulprofessor noch einmal um und machte sich im Bereich Logistik als Berater selbstständig.
1997 veröffentlichte er als Ergebnis einer umfangreichen Studie Thesen, die ein Statut der Neuen Selbständigen definierten. Im Band "Die Zerstörung der Mittelschichten" liegt Bolognas wichtiger Text nun gemeinsam mit anderen übersetzt vor. Aufgrund seines hohen Prozentsatzes an Selbstständigen und Kleinstunternehmern drängte sich Italien als Untersuchungsgebiet förmlich auf. Das erhoffte politische Echo auf Bolognas Studie blieb 1997 jedoch aus: Die Gewerkschaften fühlten sich nicht wirklich zuständig für die Einpersonenunternehmen.
Bolognas Protest dagegen, die "soziale Frage" der Selbstständigen einfach den Konservativen zu überlassen, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Buch. Der Mailänder Soziologe betont, dass das Selbstverständnis der Freiberuflichen mit dem hierarchischen gewerkschaftlichen Vertretungsanspruch schwer kompatibel ist. Er fordert die Selbstständigen daher auf, sich als Gruppe zu erkennen und neue Organisationsformen zu suchen, verlangt aber auch innovative Angebote von einer linken Politik.
Bologna umreißt das Prekäre an Honorardienstleistungen anhand mehrerer Parameter. In Bezug auf den Raum stellt er eine "Domestikation" der Arbeit fest. Diese hebt zwar einerseits die Entfremdung auf, die in der Aufteilung des Lebens in Arbeits- und Freizeitsphäre gesehen wurde. Andererseits gefährdet diese Vermischung jedoch massiv die Privatsphäre, was wieder mit einem veränderten Zeitverhältnis zu tun hat. Das von Marx analysierte Verhältnis von Arbeitszeit und Entlohnung hebt sich für Freiberufler auf. Bezahlt wird eine Leistung, ein Resultat, und nicht mehr die Stunden.
Selbstständige arbeiten wesentlich länger als Angestellte, verdienen aber in der Regel gleich oder weniger. Bologna streicht besonders die "relationale Arbeit" hervor: Die Zeit, die für Auftragsakquise, Aufbau und Pflege des professionellen Netzwerks draufgeht, werde als tägliche Mehrarbeit nicht anerkannt. Der Selbstständige muss den ganzen Apparat selbst tragen, die Vorteile der Arbeitsteilung stehen ihm nicht zur Verfügung. Insofern hält Bologna die Bezeichnung "Einpersonenunternehmen" für falsch, da der Begriff des Unternehmens in den Wirtschaftswissenschaften stets mit einer Trennung von Kapitalbesitz, Betriebsführung und Arbeit beziehungsweise der Aufteilung der sozialen Rollen verknüpft ist.

So pessimistisch Bolognas Analyse klingen mag: Er versteht die Neuen Selbstständigen nicht als ein Heer von Opfern, sondern erkennt in ihnen auch das Ergebnis eines Emanzipationsstrebens. In den Siebzigerjahren suchten die besser ausgebildeten Kinder von Arbeitern und Angestellten ein Mehr an Freiheit und schufen neue berufliche Identitäten, die enorm zum italienischen Wirtschaftswachstum der Achtzigerjahre beitrugen.
Als Soziologe tritt er für eine differenzierte Analyse der Mittelschichten – wohlgemerkt im Plural – ein, die das vulgärmarxisstische Blockdenken Arbeiter versus Kapitalisten ablehnt und die Potenziale der Selbstständigkeit durch Schutzmaßnahmen zur Entfaltung bringen möchte. Das "Forderungsprinzip", ein reines Anspruchsdenken gegenüber der Politik, stellt für ihn keinen gangbaren Weg mehr dar – schon allein deshalb, weil die Option Streik für Selbstständige flachfällt.

Nicole Scheyerer in FALTER 40/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×