Der Traum vom Sprechen

Gail Jones


Immer Ärger mit der Technik

Gail Jones' "Traum vom Sprechen" verheddert sich in kommunikationstheoretischen Exkursen.

Ja, die Technik. Handy, Internet, E-Mail – alles Kommunikationsmittel, die die Menschen in dem Maße verbinden, in dem sie einander entfremden. Wir können uns auf immer mehr Arten mitteilen und reden doch aneinander vorbei. Ein altes Lied, aber immer wieder gut für ein Buch.
Die Australierin Gail Jones hat sich für dieses Dilemma in ihrem dritten Roman eine ambitionierte Form überlegt. "Der Traum vom Sprechen" ruht auf einem Beziehungsgeflecht von Leuten, die über die Kontinente miteinander kommunizieren, aber sich doch nichts zu sagen haben. Da wäre einmal die australische Studentin Alice, die in Paris lebt und mit ihrer in Australien verbliebenen Schwester in symbiotischem Gegeneinander verstrickt ist. In Briefen versuchen sie, Klärung herbeizuführen. Schwierig gestalten sich auch die Liebschaften zwischen Mann und Frau im technischen Zeitalter: "Alice rollte auf Stephens Körper, streckt sich, um ihn abzudecken, damit ihre Gliedmaßen Stück für Stück aufeinander passten, wie bei einer Fotokopie. (...) Sie hatte Stephen sagen wollen, dass sie seine Trauer verstand, doch tat sie es nicht."
Eine weitere Beziehung entspinnt sich zwischen Alice und einem Japaner, der an einer Biografie über Alexander Graham Bell arbeitet, den Erfinder des Telefons. Die beiden schreiben einander. Was sie über die Länder hinweg eint, ist das Interesse für die Technik. Immer wieder finden sich in dem Roman Geschichten von Erfindern, etwa vom Schotten John Logie Baird, der für ein erstes Modell eines Fernsehers unter anderem Hutschachteln und einen Sargdeckel verwendete. Nebenbei rollt Gail Jones in essayistischem Tonfall die Kulturgeschichte der Medien auf, oder sie unterbricht die Handlung, um Briefe oder E-Mails einzuschieben. Die Kommunikationsmittel sind in "Der Traum vom Sprechen" als Theorie und Praxis präsent, und aus den unterschiedlichen Medien ergibt sich auch die Botschaft: Dass Beziehungen nicht ohne die Kommunikationsmittel gedacht werden können, die diese eben erst ermöglichen oder halt verhindern.
Leider entspricht diesem ehrgeizigen Thesengebäude keine erzählerische Substanz. Die Figuren sind so heillos mit Material überfrachtet, dass ihnen kaum Luft zum Atmen bleibt. Die Geschichte des Japaners ist mit der Entwicklung der Atombombe verknüpft, er selbst dem Tod geweiht, die Protagonistin entpuppt sich als adoptiertes Kind, der japanische Kulturkreis wird auch abgehandelt. Konsequenzen ergeben sich daraus keine.

Sprachlich ist Jones' Roman, trotz sorgfältiger Übersetzung, in seinen besten Momenten bemüht poetisch, meist aber von einschläfernder Betulichkeit. Schlimm wird es, wenn Jones über die Medien sinniert: "Fernsehen ist schließlich nur eine Wunderkiste. In sein begrenztes, rechteckiges Gehäuse fliegen unbegrenzt viele Bilder. (...) Betrachter, deren es Milliarden gibt, werden zu fanatischer Hingabe oder genussvoller Untätigkeit angehalten." Über das Internet heißt es: "Darin befanden sich Galaxien von Informationen, unendliche Netzwerke, komplexer als verzweigte Nerven." Das musste auch mal gesagt werden! Auf den "Traum vom Sprechen!" aber trifft in weiten Teilen zu, was Gail Jones zufolge typisch für die Kommunikation per E-Mail ist: "ungelenke Emotionen und unüberlegte Formulierungen".

Verena Mayer in FALTER 40/2006



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