Tief im Hirn

Helmut Dubiel


Auch Morbus Parkinson ist eine neurodegenerative Alterskrankheit. Der Soziologe Helmut Dubiel war freilich erst 46, als sie bei ihm diagnostiziert wurde. In "Tief im Hirn" erzählt er von seiner Leidensgeschichte: wie er die ersten Anzeichen der Krankheit verdrängte, wie er dem Arzt, der ihm die Diagnose stellte, einfach nicht glauben wollte und wie er in Tränen ausbrach, als er es doch glauben musste.
Dem langen Leugnen der Krankheit folgte ein langes Verstecken seines Zustands vor der Umwelt. Wie viel Energie ihn das kostete, wird deutlich, wenn er sich daran erinnert, wie er sich tagelang auf kleine Reden am Frankfurter Institut für Sozialforschung vorbereitete, dem er lange als Direktor vorstand. Vor der Krankheit waren solche spontanen Reden nämlich eine Spezialität von ihm gewesen. Weil es ihm nicht gelang, sich öffentlich zu seiner Krankheit zu bekennen, musste er das Institut schließlich verlassen. Der Schmerz darüber ist auch heute noch zu spüren.
Nach der Rückkehr von einem mehrjährigen Aufenthalt in New York entschied er sich für eine Operation. Zehn Stunden lang war sein Kopf festgeschraubt, Ärzte bohrten in seinen Schädel und pflanzten – tief im Hirn – eine elektrische Sonde. Aus Sicht der Neurologen war der Eingriff erfolgreich. Der starke Tremor und die qualvollen Überbewegungen verschwanden. Dafür litt Dubiel jetzt an Atemnot, ständigem Hinfallen und schweren Depressionen. Zudem hatte er große Schwierigkeiten zu sprechen. Er empfand es so, dass "sehr schwere Symptome an die Stelle von schweren getreten waren".
Erst viel später riet ihm eine Neurologin, das Implantat einmal abzustellen. Nicht nur die Sprachstörung, auch die Depression verschwand augenblicklich. Als "erschreckend und irgendwie demütigend" bezeichnet Dubiel "die Banalität dieses Vorgangs". Seit einiger Zeit besitzt er nun ein Steuergerät, mit dem er die Amplitude der Sonden regeln kann. Bei niedriger Amplitude funktioniert das Sprechen, dafür ist er unbeweglich und wird depressiv. Will er eine weitere Strecke gehen, muss er eine hohe Amplitude einstellen.
"Tief im Hirn" ist aber nicht nur eine Krankheitsgeschichte. Der Soziologe Dubiel reflektiert anhand seiner "kleinen traurigen Geschichte", wie er seine Erfahrungen einmal bezeichnet, auch zentrale Themen der Gegenwart. Er stellt Fragen nach den Grenzen der modernen Medizin, beschäftigt sich mit der Bedeutung von Stigma in unserer Gesellschaft und mit der des Zufalls. Und nicht zuletzt geht es um die Frage des Glücks.

Sabina Auckenthaler in FALTER 40/2006



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