Stille

Tim Parks


"Give more Heu!"

Tim Parks Roman über den Rückzug eines Promibriten in die Berge, lässt kaum ein Klischee aus.

Der englische Starjournalist und Fernsehmoderator Harold Cleaver besteigt, unmittelbar nachdem er sich mit einem Interview des amerikanischen Präsidenten endgültig unsterblich gemacht hat, ein Flugzeug nach Mailand, wechselt in die Bahn, die ihn über Verona nach Bruneck bringt, und erreicht schließlich per Taxi den Ort Luttach im obersten Südtiroler Ahrntal. Außer einer gut gefüllten Geldbörse und seinem Handy hat er nichts bei sich, mit Absicht, will er doch endgültig abstreifen, was bisher seine Identität ausgemacht hat. Die Quellen, aus denen sich Cleavers Weltekel speist, werden bald deutlich: Die Beziehung zu seiner Lebenspartnerin beschränkt sich seit Längerem auf die Erfüllung materieller Versorgungsverpflichtungen, den Tod seiner Lieblingstochter hat er bei weitem noch nicht überwunden, und das semifiktionale Buch "Im Schatten des Allmächtigen", in dem sich sein älterer Sohn in unbarmherziger Weise über den Vater hermacht, wurde für den Booker-Prize nominiert. So etwas kann einem schon aufs Gemüt schlagen.
Cleaver quartiert sich im Rosenkranzhof, einem abgelegenen Anwesen hoch oberhalb des Ortes, ein, um sich mit dem, was ihn dann prompt bedrängt, auseinanderzusetzen: mit den meteorologischen Besonderheiten der Höhenlage, mit den Tücken des alpinen Geländes, mit trüben Erinnerungen und vor allem mit dem Buch des Sohnes, das ihn, den Vater, als "in jeder Lebenslage gierig, geil und geltungssüchtig" beschreibt und dessen Inhalte sich unablässig in den selbstgefälligen Gedankenfluss des Mannes mischen.
Tim Parks, in Verona lebender englischer Romancier und Übersetzer (u.a. von Alberto Moravia und Italo Calvino), erzählt von der Lebenskrise eines erfolgreichen Menschen, von der Sehnsucht nach Zivilisationsferne, von der Schwierigkeit, Beziehungen zu haben, vor allem jedoch vom Versuch eines Vaters und eines Sohnes, sich über den Konflikt näherzukommen – alles Dinge, über die man durchaus immer wieder lesen möchte. Warum Parks die Geschichte dann in einer Weltgegend ansiedelt, die er nur mittels einer Akkumulation von Klischees charakterisieren kann, erschließt sich allerdings nicht mehr. Schon auf Cleavers Hinfahrt, in Franzensfeste, riecht es nach "frisch gemähtem Gras, Kuhdung und Schmelzwasser, das über Felsen rinnt", und in der Folge wird nichts ausgelassen: Die steilen Straßen erklimmt man mit dem Haflingergespann, im Wirtshaus servieren in groben Stoff gekleidete Frauen den rotgesichtigen kartenspielenden Männern Bier und Speck, Rehböcke stehen stolz auf verschneiten Lichtungen, der treue Hund liegt einem vor dem Kaminfeuer zu Füßen, die unbedarften Töchter der Berge werden schwanger und keiner der Eingeborenen kann Englisch: "And give more Heu. Heu, you understand."

Das Interesse, das man für die verletzte Persönlichkeit Cleavers in ihrer Tolpatschigkeit und Geschwätzigkeit eigentlich haben möchte, treibt einem der Autor auf diese Weise leider sukzessive aus. Da hilft es auch wenig, dass er in einer Paraphrase auf den "Rattenmann" zeigt, dass er seinen Freud tatsächlich gelesen hat und weiß, dass es zwischen Vater und Sohn immer sowohl um Liebe als auch um Aggression gehen muss. Die Entscheidung zu einem Finale mit möglichst viel Kitsch ist wenigstens konsequent, das muss man Parks lassen: Cleavers Sohn sucht, nachdem er den Booker-Prize nicht bekommen hat, den Vater, findet ihn, kriegt seine Ohrfeigen, stürzt beinahe in die Schlucht, und am Ende liegen die beiden einander in den Armen: "Alex, such dir ein nettes Mädchen und mach mich zum Großvater."
Ja, bitte Alex, tu es.

Paulus Hochgatterer in FALTER 40/2006



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