Weltmacht Indien. Die neue Herausforderung des Westens

Olaf Ihlau


Knapp mehr als eine Milliarde Menschen, dreißig Millionenstädte, eine halbe Million Dörfer und ein Mittelstand von 300 Millionen – zumindest rein zahlenmäßig stehen die Voraussetzungen nicht schlecht, dass Indien zur Weltmacht wird. Die Rechnungen von Software-Tycoons wie Azim Premji von Wipro oder Narayana Murthy von Infosys gehen indes schon heute voll auf: Weltweit ist bereits jeder dritte Software-Ingenieur Inder.
Mit seinen unzähligen Callcentern und der Lingua franca Englisch ist das Land mittlerweile jedenfalls zum größten Backoffice der Welt aufgestiegen. Dem Land der Superlative, das er über dreißig Jahre lang beobachtet hat, versucht der Spiegel-Journalist Olaf Ihlau in seinem Buch "Weltmacht Indien. Die neue Herausforderung des Westens" in 14 lose verbundenen Artikeln beizukommen. Indien sei, so Ihlaus Fazit, heute "ein anderes Land". Das Ende des Staatsdirigismus der Siebzigerjahre ermöglichte ein dynamisches Wachstum, das die größte Demokratie der Welt vom Armenhaus (das es auch immer noch ist) langsam zu einem der Kraftzentren der globalisierten Ökonomie umbaut – nach Ihlaus Überzeugung sogar schneller, als das China gelingt.
Dem Verhältnis zum asiatischen Konkurrenten China ist entsprechend viel Raum gewidmet. Der chinesische Drache und der indische Elefant betraten die Weltbühne Ende der Vierzigerjahre – nahmen aber eine denkbar andere Entwicklung. Das "Entwicklungslabor" Indien kennt keine Expansionsgelüste, hat eine wachsende, junge Bevölkerung, eine deutlich geringere Alphabetisierung als die "Fabrik" China, aber auch deutlich mehr Rechtssicherheit und Innovationskraft zu bieten.
Weitere Artikel sind den tausend Göttern und drei Hauptgöttern des Hinduismus gewidmet, der drittgrößten Religion der Welt, dem Korsett der Kasten, diesem "religiös verbrämten System institutionalisierter Ungleichheit", das neun Monate nach Gandhis Tod abgeschafft wurde und gleichwohl bis heute seine Wirksamkeit nicht verloren hat. Ihlau spart aber auch Sozial-, Entwicklungs- und Umweltprojekte genauso wenig aus wie die Frage der Minderheiten, sezessionistische Tendenzen und den anscheinend unlösbaren Konflikt zwischen Hindus und Moslems.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 40/2006



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