Sternschnuppen. Zukunftserwartungen von Schuljugend

Frigga Haug, Ulrike Gschwandtner


Bärchen verrichtet Lohnarbeit

Frigga Haug und Ulrike Gschwandtner analysieren die – feministisch betrachtet – wenig erbaulichen Zukunftsträume von deutschen und österreichischen Schülern.

Es ist schon wieder 26 Jahre her, dass die deutsche Sozialwissenschaftlerin Frigga Haug mit weiteren Autorinnen aus der Frauenbewegung analysierte, welche Vorstellungen Berliner Jugendliche über ihre Zukunft hatten. Ihre Aufsätze zum Thema "Mein Leben an einem Tag in 20 Jahren" waren – zumindest aus feministischer Perspektive – enttäuschend: Ganz den tradierten Rollenbildern verhaftet, träumten die Mädchen von der Gründung einer Familie mit Kindern, während die Burschen für sich ein abenteuerliches Leben abseits familiärer Zusammenhänge entwarfen.
Haug und ihre österreichische Kollegin Ulrike Gschwandtner wiederholten die Studie jüngst mit Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren aus unterschiedlichen Schultypen in Deutschland und Österreich. Bereits das Motto, das sie an den Beginn von "Sternschnuppen" stellen, lässt ahnen, dass die beiden Autorinnen in den 473 untersuchten Aufsätzen auch diesmal wenig Erbauliches fanden. Es ist ein Zitat aus Hofmannsthals "Ballade des äußeren Lebens": "Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, und alle Menschen gehen ihre Wege."
Ungebrochen wird in den Texten nämlich das Klischee vom kleinfamiliären Glück mit Mann, Frau und zwei Kindern entworfen, wobei Kindererziehung nach wie vor als Sache der Frauen betrachtet wird. Ihre zukünftigen Partner nennen die Mädchen bevorzugt "Schatz" oder "Bärchen". Fast alle leben im Wohlstand, sind geliebt und strebsam. Bärchen verrichtet Lohnarbeit oder entzieht sich den Mühen durch Anpassung an die neue gesellschaftliche Leitfigur des Unternehmers – nicht selten im Hightech-Bereich: "Ich habe eine wundervolle Frau, zwei prachtvolle Kinder und bin der Chef der größten Computerfirma der Welt", schreibt einer der Burschen.
Wie ausgebleichte Reproduktionen medialer Vorbilder lesen sich jene Textpassagen, in die uns Einsicht gewährt wird. Prompt attestieren die beiden Autorinnen ihren Beforschten eine schablonenhafte "Fantasielosigkeit der Fantasie". Einförmigkeit und Konservativismus scheinen bei den österreichischen Jugendlichen noch stärker ausgeprägt zu sein als bei den deutschen. Eine grundlegend neue Entwicklung hat allerdings im letzten Vierteljahrhundert stattgefunden: "Die Familie hat die Burschen eingeholt", schreiben die Autorinnen, denn sie spielt nun auch in den Zukunftsentwürfen der männlichen Jugendlichen eine tragende Rolle.

Gschwandtner und Haug kontrastieren die Idyllen der Schulaufsätze mit den gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Krisen, im Besonderen mit der statistisch nachgewiesenen Erosion des Modells der traditionellen Kleinfamilie. Weil aber gesellschaftliche Problemlagen in den Aufsätzen kaum thematisiert werden, bleibt ihnen nur, jugendliche Konformität facettenreich zu interpretieren.
Die Entwürfe vom individuellen Glück werden dabei aus zwei Richtungen gedeutet: zum einen als unhinterfragte Übernahme von Normprofilen, zum anderen als Bollwerke kognitiver Dissonanz gegen eine zerrüttete Welt. Weil sie selbst so wenig glücklich sind mit dem, was sie da an Glücksvorstellungen finden, fragen sich die Forscherinnen auch, ob sie den Beforschten mit einer allzu rigiden Lesart nicht Unrecht täten.
Trotz des erfrischenden Selbstzweifels möchte man aber mit ihnen streiten, wenn sie mit so viel "falschem Bewusstsein" hadern. Denn ganz lässt sich der Verdacht nicht ausräumen, dass ihre ernüchternden Befunde bisweilen einer überhöhten Anspruchshaltung geschuldet sind: Übersteigt die Aufgabe, das eigene Leben in zwanzig Jahren zu entwerfen, nicht einfach die Vorstellungskraft von 15-Jährigen? Müssen sich deren Fantasien dann nicht zwangsläufig an Stereotypen orientieren?
Gewiss bergen Schreibprozesse, wie Gschwandtner und Haug zur Begründung ihrer Methode vorausschicken, die Möglichkeit, Bewusstsein zu schärfen und individuelle Veränderungsprozesse anzuregen. Das ist allerdings ein bildungsbürgerliches Ideal, dessen Einlösung man sich von Jugendlichen nicht ohne weiteres erwarten darf. Diskurse, schrieb Pierre Bourdieu, werden in der Regel in Hinblick auf ihre Akzeptanz auf einem "sprachlichen Markt" produziert. Gschwandtner und Haug hatten von den Jugendlichen erwartet, dass sie "häufiger in Widerstand gehen, kurz: das ,ganz Andere' für sich wollen". Und sie stellen fest, dass die Jugendlichen kaum etwas über ihre Sexualität preisgeben.
Ist aber im Fall des Schulaufsatzes das Verschweigen von Intimität nicht ein Akt des Widerstands? Schließlich wissen die Schreibenden ja, dass ihre Aufsätze von Autoritätspersonen gelesen werden – ein Umstand, der es insgesamt unwahrscheinlich macht, dass in Schulen Pamphlete offener Rebellion verfasst werden. Mit diesem Einspruch aber kann man sich dann gern dem Resümee der Autorinnen anschließen, in dem sie eine Demokratisierung der Schulen fordern.

Und dennoch sagt der viel, der ‚Abend' sagt ...". Hofmannsthals Ballade endet traurig und versöhnlich. Die Klischees vom kleinfamiliären Glück, von Aufstieg und Wohlstand in den "Sternschnuppen" kann man als Träume lesen, die im Realitätsprinzip verglühen werden. Man kann ihnen aus einer bescheideneren Perspektive aber auch politische Kraft zugestehen, weil mit ihnen immerhin die Forderung nach einem guten Leben vorgetragen wird.

Fritz Betz in FALTER 40/2006



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