Pop essen Mauer auf. Wie der Kommunismus den Pop erfand und sich damit selbst...

Stefan Maelck


Duttweilers Erbe

In "Pop essen Mauer auf" erzählt Stefan Maelck die unglaubliche Geschichte der DDR-Popmusik.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Wer wüsste das besser als unsere deutschen Nachbarn, denen dieser Spruch nicht ganz zufällig zugeschrieben wird. Wo die Kalauer von Haus aus tief fliegen, da geht es bekanntlich immer noch ein wenig tiefer, weiß auch Stefan Maelck, der mit dem pseudoaufdeckerischen Pamphlet "Pop essen Mauer auf" so unverblümt den Schenkelklopfinstinkt anspricht, dass es - kaum zu glauben - schon wieder lustig ist.

Aber der Reihe nach. Maelcks Geschichte beruht auf der sensationellen Entdeckung, dass "der Kommunismus den Pop erfand und sich damit selbst abschaffte". Das hat nicht der Autor selbst herausgefunden, das wurde ihm angeblich von einem Kollegen zugespielt, der sich jahrelang mit Ostrock beschäftigt hatte und dabei über eine Geheimakte auf einen mysteriösen Stasimann namens Duttweiler gestoßen war.

Nicht die Beatles, nicht die Rolling Stones (deren Hits waren sowieso von den Puhdys gestohlen) oder gar Dieter Bohlen, sondern ebendieser Duttweiler muss nach neuesten Forschungsergebnissen als Architekt der modernen Popmusik gelten. Er hat das Teufelswerk ursprünglich nur aus dem Grund erschaffen, die Westjugend zu schwächen. Wer konnte ahnen, dass Pop einen derartigen Siegeszug erleben würde und der grelle Wahnsinn am Ende in die DDR zurückschwappen und zum Fall der Mauer führen würde?

So weit die Ausgangssituation. Sie wirkt doch etwas bemüht originell, und man wähnt sich schon in einem müden Ausläufer der Ostalgie-Welle. Maelck gelingen überraschend einige der witzigeren und wahreren Worte über Pop und die DDR seit langem. Was wohl daran liegen muss, dass der Mann sowohl seiner Popmusik als auch dem Vaterland, in dem er aufgewachsen ist, zu großen Wert beimisst, als dass sich hinter den zahlreichen Bruhaha-Momenten in seinem Buch nicht doch mehr verbergen würde.

Die Komik von "Pop essen Mauer auf" speist sich zwar daraus, dass hier zwei Gebiete verhandelt werden, die heute nicht mehr wirklich satisfaktionsfähig erscheinen - beide haben schon von Haus aus etwas Lächerliches an sich. Sich noch extra darüber lustig machen, das vermag aber nur jener, der seinen Pop und seine DDR in Wahrheit verdammt ernst nimmt, der auch als 43-Jähriger noch mit dem aktuellen Popgeschehen mitleidet und der als Kind sicher ein bisschen in Margot Honecker verliebt war.

Zudem versteht es Maelck, die Skurrilitätsspirale immer weiter zu drehen. Selbst ein Monstrum wie Dieter Bohlen entpuppt sich hier als Kreatur Duttweilers ("das Fieseste, was ich mir je ausgedacht habe"), mit der er sich sowohl am Westen als auch am Osten, der ihm irgendwann die Unterstützung aufkündigte, gerächt hat. Und schließlich tanzt ein ganzer Fuhrpark an täuschend echt wirkenden Poprobotern durch Duttweilers Scheune, ehe diese und damit der ganze schöne Trashschmöker in die Luft gejagt werden.

Das Ende war abzusehen: Pop ist tot. Aber noch kurz vor seinem aufwendig inszenierten Abgang lässt seinem Erfinder eines keine Ruhe: Er muss der Welt mitteilen, dass er mit Phil Collins nichts zu tun hat. Dann drückt er den Knopf. Der popkulturelle Scherbenhaufen, den er als Erbe hinterlässt, wird uns noch einige Zeit beschäftigen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 40/2006



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