Vom Bild zum Kunstsystem. Zwei Bände (Text/Tafeln)

Beat Wyss


Der Bildverlust

Beat Wyss beschreibt in seinem neuen Buch Methoden der Bildanalyse. Doch wo bleiben die Bilder?

Der Schweizer Beat Wyss, Jahrgang 1947, gehört zu jenen Kunsthistorikern, die ihre Disziplin vom Ruf befreit haben, dass sich ihr Betätigungsfeld auf den stilistischen Vergleich spätbarocker Bozzetti oder die Untersuchung der Reflexe niederländischer Beweinungskompositionen in der österreichischen Malerei des 15. Jahrhunderts beschränkt. Buchtitel wie "Die Welt als T-Shirt" bescherten ihm eine über die Fachgrenzen hinausgehende Leserschaft. An der staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe leitet Wyss das Graduiertenkolleg "Bild - Medium - Körper", auf dessen Forschungen die vorliegende Publikation beruht.

Eine ganzes Bündel bildanalytischer Methoden breitet Wyss darin aus. Das weitverzweigte semiotische Modell von Charles Sanders Pierce dient ihm ebenso zur Grundlage einer Neuinterpretation kunsthistorischer Epochen wie die Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann. Er skizziert die Auseinandersetzung zwischen Semiotikern, die ein Bild lesen wollen, und den Phänomenologen, die es erleben. Er holt in die mittelalterliche Bildwelt aus, um deren Reliquienkult mit der Wahrheit des modernen, fotografischen Bildes kurzzuschließen.

Sigmund Freuds Begriff der Nachträglichkeit ließe sich in der Interpretation von Wyss auf Marcel Duchamps Ready Mades anwenden. So wie ein kindliches Angsterlebnis durch spätere Erlebnisse in ein rätselhaftes Bild umgeschrieben würde, hätte sich auch der "Flaschentrockner" Duchamps von 1914 bei seiner Wiederentdeckung in den Fünfzigerjahren in etwas anderes verwandelt. Aus der dadaistischen Provokation, einen Alltagsgegenstand zu einem Kunstwerk zu erklären, um damit die Mechanismen des Kunstmarktes auszuhebeln, sei bei den Neoavantgarden der Fünfziger-und Sechzigerjahren eine künstlerische Strategie geworden, die die traumatische Störung des Kunstsystems vergessen ließ.

Nach solchen gelungenen Querverbindungen tappt Wyss aber bald in die "Von Höhlenmalerei bis zur Gegenwart"-Falle. Der vierte Teil des Buches wendet die Begriffe Luhmanns auf einen Schnelldurchlauf französischer und italienischer Kunstgeschichte an. Es wird aber bis zum Ende hin nicht klar, was die ohnehin etwas selbstreferenziellen Luhmann'schen Begriffe von System/Umwelt oder Autopoesis wirklich Pfiffiges zur Darstellung des neuzeitlichen Kunstsystems beitragen.

Und dann gibt es noch einen zweiten Band mit den in den Texten besprochenen Bildern. Wyss selbst verweist auf die Bedeutung von Abbildungen in der Entwicklung der Kunstgeschichte. So verwendete Heinrich Wölfflin in seinen "Kunstgeschichtlichen Grundbegriffen", einem Gründungswerk der Stilanalyse, das damals ganz neue Offsetverfahren, mit dem Foto und Text lithografisch gleichzeitig vervielfältigt und Werke miteinander verglichen werden können.

In dem Werk von Wyss hingegen entsteht der Eindruck, als sei das bildliche Bezugssystem nebensächlich. Als würde die Kunstgeschichte, ihres Kanons beraubt, sich der Stilanalyse von Methoden widmen.

Matthias Dusini in FALTER 40/2006



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