Eisflüstern

Bettina Balàka


Der Brotpreis von 1922

Bettina Balàkas überzeugender Kriegsheimkehrerkrimi "Eisflüstern"

Wenn Beck bei minus 45 Grad ausatmete, entstand vor seinem Mund eine Wolke aus weißen Kristallen, mit einem eigenartigen, knisternden Geräusch. Eisflüstern wurde das genannt."
So bemerkenswert wie das in sibirischer Kälte auftretende Phänomen ist auch Bettina Balàkas gleichnamiger Roman. Und zwar in mehrerer Hinsicht: Die 40-jährige Wiener Autorin arbeitet ein Thema auf, das in der jüngeren österreichischen Literatur einmalig ist, nämlich die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die Großmacht Österreich-Ungarn zum kleinen "Deutsch-Österreich" zusammengestutzt wurde und sowohl ideologisch als auch wirtschaftlich unter Schock stand. "Die Zeit nach 1918 hat mich deshalb so interessiert, weil sie mir im öffentlichen Bewusstsein ausgeblendet erschien", erklärt Bettina Balàka im Falter-Interview. "Erst durch den 90. Jahrestag des Attentats von Sarajevo wurde wieder mehr über den Ersten Weltkrieg publiziert. Geradezu bildhaft war dann die Entdeckung der eingefrorenen Soldatenleichen im Ortler-Massiv 2004. Sie kamen sozusagen leibhaftig aus dem Eis zurück in unsere Gegenwart."
"Eisflüstern" erzählt die Geschichte des traumatisierten k.u.k.-Offiziers Balthasar Beck und seiner Frau Marianne in den Wochen nach Becks Heimkehr aus russischer Gefangenschaft im Herbst 1922. In Rückblenden werden die Leser einerseits abwechselnd ins Grauen des Kriegs und den Wahnsinn der Gefangenschaft versetzt, nehmen andererseits an den Schicksalen der Daheimgebliebenen Anteil. Die Detailkenntnisse, die Balàka über das Soldatenleben und die Zustände im ausgebluteten Wien nach 1918 einbringt, sind verblüffend. "Dabei hatte ich keine außergewöhnlichen Vorkenntnisse und musste Mitte des 19. Jahrhunderts anfangen, um die Biografien der Personen zu entwickeln und die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs zu verstehen. Im Einzelnen war der Aufwand enorm; allein herauszufinden, wie viel im September 1922 ein Laib Brot kostete, nahm Wochen in Anspruch, denn aufgrund der gewaltigen Inflation änderten sich die Preise ständig", erläutert die Autorin.
Balàka verknüpft die psychologisch dichte Heimkehrergeschichte mit einem Krimi, wie man ihn in Chicago zur Zeit Al Capones ansiedeln würde. Ob diese Handlung notwendig ist, darüber ließe sich streiten: Freunde des Genres kommen sicher auf ihre Kosten; Leser, denen das Verteilen von scheußlich zugerichteten Leichen zum Behufe der Suche nach dem personifizierten Bösen (= Mörder) als schale literarische Beschäftigung erscheint, werden skeptisch bleiben. Zweifellos gelungen ist dagegen die Schilderung der Rivalitäten zwischen der Hauptfigur Beck, im Zivilberuf Polizist, und seinem Gegenspieler, Inspektor Ritschl, dem Prototypen des aufstrebenden Nationalsozialisten. "Die Erforschung der Entwicklung des ‚Nazidenkens' war für mich bei der Arbeit am Roman von zentralem Interesse. Viele waren damals überzeugt, sich dem Guten angeschlossen zu haben, da es ihnen doch mit so edlen Worten verkauft wurde: das reine Blut, die Volksgesundheit, der Opfermut, des Volkes Schicksalsgemeinschaft – all das war mit erhebenden Emotionen verbunden."

Bemerkenswert ist auch die sprachliche und stilistische Bravour, mit der Bettina Balàka die Geschichte erzählt: Einfühlsam, ohne Sentimentalität, stellenweise poetisch mit Anklängen an die damals gängige Metaphorik, aber ohne Penetranz. Kurz: "Eisflüstern" braucht den Vergleich mit den besten amerikanischen Büchern nicht zu scheuen. "Genauso wie viele meiner Kollegen war ich irgendwann sehr genervt von der medial ständig wiederholten Behauptung, deutschsprachige Autoren und insbesondere deutschsprachige Autorinnen könnten (oder wollten) nicht erzählen", kommentiert Balàka, die bisher eher "sprachbetonte" Bücher veröffentlicht hat. "Ich bin bei diesem Buch angetreten, das Gegenteil zu beweisen." Der Beweis ist ihr geglückt.

Werner Schandor in FALTER 40/2006



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