Ihre Musik

Thomas Stangl


Geier über der Leopoldstadt

In seinem zweiten Roman dringt Thomas Stangl in die Wohnung und die Welt einer Mutter und deren Tochter

Das ist nun einmal etwas ganz anderes: Thomas Stangl erzählt in seinem neuen Roman vom Leben zweier Frauen und entwickelt dabei sprachlich eine derart innige Nähe, dass man glatt meinen könnte, ihnen unter die Haut zu sehen. Emilia und Dora Engel werden die beiden genannt, eine Mutter und ihre Tochter. Sie leben völlig abgeschieden in einer Wohnung in der Wiener Leopoldstadt, eingebettet in eine Symbiose, die in diesem Fall nicht von gegenseitigem Hass lebt, sondern eine Routine des Nebeneinanders entwickelt hat, die kaum eine Emotion zulässt.
Der Schauplatz des Buchs, ein Grätzel gleich hinter dem Donaukanal, ist bei jungen, urbanen Stadtbewohnern seit Jahren beliebt. In "Ihre Musik" nun erscheint diese Gegend öde und leer: "Inmitten von Wien ist es ein völlig einsamer, unbekannter Ort, fremder als alles, was in fremden Weltgegenden aufgesucht werden kann. Hier sind (außer ein paar gleichgültig stumpfen Anrainern) keine Menschen; nur riesige Geier ziehen ihre Kreise über die weiten, leicht gewölbten Freiflächen über dem Tempel, manchmal lassen sie sich am Boden nieder und reißen einen Fetzen Fleisch von einer der unzähligen toten Tauben, die hier liegen."
An diese surrealen Bilder gewöhnt man sich relativ rasch, werden Innen- und Außenwelten doch durchgängig aufeinander bezogen. Gleich zu Beginn wirft der Autor einen intimen, aber unspektakulären Blick auf eine der beiden Frauen: Sie steht morgens auf, macht sich einen Kaffee, denkt an die erste Zigarette. Die Zimmerumgebung indes erscheint randvoll mit Leben; wie eine zweite Haut legt sie sich um den Körper ihrer Bewohnerin.
Erst später folgt die erzähltechnische Legitimierung dieses Zugriffs: Vom Ich-Erzähler des Buchs erfahren wir, dass er früher einmal selbst in der Gegend um den Karmelitermarkt gewohnt und sich dann in einem Hotel bzw. einer Wohnung nahe den beiden Frauen eingemietet hat. Dann und wann fällt ein erster Blick durch die angelehnte Wohnungstür, schließlich aber dringt er weiter vor. Woher sein Interesse rührt, bleibt ebenso ungeklärt, wie die Frage, auf welche Weise er nun tatsächlich in die Wohnung gekommen ist. Am besten stellt man sich den Erzähler wie eine Kamera vor, die einfach aufzeichnet, was ihr möglich ist, und dabei nicht lange nach ihrem Recht fragt.

Einer ganz sensiblen Optik hatte sich der Autor schon in seinem Debütroman bedient, und in gewisser Weise setzt das neue Buch auch nahtlos fort, was dort begann. In dem von der Kritik gefeierten und mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichneten Buch "Der einzige Ort" (2004) schrieb sich Stangl an zwei historische Afrika-Expeditionen aus dem Jahr 1820 heran. Nicht um eine glanzvolle Vermessung der Welt war es ihm dabei zu tun, sondern um eine Beschreibung der eher glanzlosen Entbehrungen, die ein Engländer und ein Franzose auf ihren je eigenen Wegen in die sagenumwobene Wüstenstadt Timbuktu zu erleiden hatten. Nach den Strapazen der Anreise erschien den Forschern der Ort, den sie vorab für ein mythisches Zentrum der Menschheitsgeschichte gehalten hatten, nur noch als ein ödes Nest. Die sukzessive Auflösung ihrer Fata Morgana zeichnete der Autor in minutiösen Beschreibungen nach.
In dem neuen Buch sind die Spuren der Kamele in der Wüste durch die von Dora und Emilia Engel ersetzt. Dass die Leopoldstadt im peniblen Nachvollzug all dieser Schritte in- und außerhalb der Wohnung tatsächlich wie die fremdartigste aller denkbaren Welten erscheint, liegt am erzählerischen Vermögen des Autors. In seiner klanglosen Musik überlagern sich Wahn und Wirklichkeit, sind dann plötzlich alle Dinge ganz ohne Distanz. Oder um eine andere Metapher zu verwenden: Thomas Stangl setzt mit "Ihre Musik" den ganzen zweiten Bezirk unter Wasser und taucht zu seinen beiden Hauptfiguren hinab. Dieses Buch ist ein Korallenriff der Einsamkeit.

Klaus Kastberger in FALTER 40/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×