Brecht im Kofferraum. Aufsätze Anekdoten Abschweifungen

Kurt Palm


Ins Stammbuch geschrieben

KP über BB: Der Regisseur, Autor und Literaturwissenschaftler Kurt Palm erinnert sich an sein Leben mit Bertolt Brecht.

Germanist, Kommunist, Journalist, Dramaturg, Regisseur, Produzent, Impresario, Autor, Filmemacher und Volksbildner: Kurt Palm, der als Erfinder der "Nette Leit Show" mit Hermes Phettberg berühmt wurde, passt in viele Schubladen, also auch in keine. In seinem neuen Buch beschäftigt sich Palm mit einem Thema, das so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner seines Schaffens ausmacht: Bertolt Brecht. Der vor genau fünfzig Jahren gestorbene Brecht hat die Karriere des 51-jährigen Palm von Beginn an begleitet, von seiner Dissertation 1981 bis zu seiner Linzer Inszenierung der "Dreigroschenoper" 2002. "Brecht im Kofferraum" ist also nicht nur ein Buch über BB, sondern auch eines über KP.

Der begnadete Mehrfachverwerter Palm, der bestimmte Themen und Ideen immer wieder aufgreift, betreibt auch hier Recycling in eigener Sache: Das Buch enthält Texte, die der Autor in verschiedenen Zeitungen (Volksstimme, Presse, Standard, Falter) zum Thema publiziert hat, Abschriften von Interviews, die Palm geführt hat, sowie Zitate aus Artikeln über Palms Brecht-Arbeit. Weil Palm dazwischen aber auch Schwänke aus seinem Leben erzählt, haben wir es nicht mit einer trockenen Materialsammlung zu tun. "Brecht im Kofferraum" ist eine eigenwillige, vergnügliche Mischung aus selbstverliebtem Sachbuch und selbstironischem Stammbuch: Theaterhistorisch relevante Dokumente stehen hier gleich neben Texten, die eigentlich nur für den Autor selbst Bedeutung haben - etwa die zärtliche Widmung, die eine gewisse Hannelore dem "lieben Kurt" in den Siebzigerjahren auf die Rückseite eines Fotos geschrieben hat.

Die erste nachhaltige Begegnung Palms mit Brecht datiert aus dem Jahr 1976, als eine Studententheatergruppe aus der DDR im Festsaal der Salzburger KPÖ-Zentrale einen Brecht-Abend zur Aufführung brachte. Besonders die "Ballade von den Seeräubern" hatte es dem oberösterreichischen Germanistikstudenten angetan; er lernte sie auswendig und ließ danach "keine Gelegenheit aus, für die Verbreitung dieses Liedes zu sorgen". Ohne die Ballade von den Seeräubern wäre Palm vermutlich nie auf die Idee gekommen, über den sogenannten "Brecht-Boykott" in Österreich zu dissertieren. Im kommunistenfeindlichen Klima des Kalten Krieges war Brecht für konservative Politiker und Journalisten ein rotes Tuch. Der vom Komponisten Gottfried von Einem 1951 eingefädelte Plan, den staatenlosen Autor einbürgern zu lassen und als Dramaturg für die Salzburger Festspiele zu gewinnen, wurde torpediert (Brecht ging dann nicht nach Salzburg, sondern als österreichischer Staatsbürger nach Ostberlin); einflussreiche Wiener Kritiker wie Friedrich Torberg oder Hans Weigel sorgten dafür, dass in Burg und Josefstadt bis in die Sechzigerjahre hinein kein Brecht ins Haus kam.

Nachdem seine Dissertation 1983 als Buch erschienen war ("Vom Boykott zur Anerkennung", Löcker Verlag), packte Palm seine umfangreiche Brecht-Bibliothek in den Kofferraum seines Audi 60 und übersiedelte nach Ostberlin, wo ihm der Henschel-Verlag eine Stelle angeboten hatte. An der Grenze wurde Palm allerdings trotz Dauervisums vier Stunden lang aufgehalten: "Die Beamten konnten sich einfach nicht vorstellen, dass ein Österreicher mit einer Kiste voll Brecht-Büchern in die DDR einreisen wollte, während zur gleichen Zeit Tausende DDR-Bürger darauf warteten, endlich aus diesem Land ausreisen zu können. Und zwar ohne ihre Brecht-Bücher."

Die DDR hatte Palm bereits 1975 zum ersten Mal bereist; als Delegierter der Kommunistischen Jugend Österreichs nahm er am "Internationalen Freundschaftslager" in Bogensee bei Berlin teil, wobei "der Alkohol eine fast ebenso große Rolle spielte wie das gemeinsame Absingen revolutionärer Lieder". Eines Abends besuchte der 38-jährige FDJ-Vorsitzende Egon Krenz das Ferienlager und kam mit dem bereits ziemlich illuminierten Palm ins Gespräch: "Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich zum späteren Staatsratsvorsitzenden der DDR gesagt hatte, aber sein hilfesuchender Blick zeigte mir, dass auch er nicht zu verstehen schien, worum es bei meinen Ausführungen ging. Einige Umstehende retteten mich schließlich, indem sie mich dezent unterhakten und von Krenz wegführten."

Zurück in Österreich, inszenierte Palm im Sommer 1986 für die Szene Salzburg eine szenische Collage über die Verhinderung Brechts bei den Festspielen ("Ein Salzburger Totentanz"), im darauffolgenden Herbst engagierte der gerade in Wien angekommene Claus Peymann den Brecht-Spezialisten als Dramaturg. Am Burgtheater hielt es Palm aber nicht lange; nach einem Streit um das Programmheft für das Brecht-Stück "Die Mutter" kündigte er. "Die drei Monate am Burgtheater waren ein völliges Desaster", erinnerte sich Palm später in einem Interview. "Dort ging es zu wie in einem kambodschanischen Gefangenenlager. Es wurde nur über Befehle kommuniziert. Der Burgtheaterbetrieb ist vermutlich nur dann zu ertragen, wenn man der Boss ist."

Logischer nächster Schritt: Palm wurde Boss. Er gründete seine eigene Theatergruppe, nannte sie Sparverein Die Unzertrennlichen und versuchte, alles anders zu machen. Zum Beispiel waren gelernte Schauspieler im Sparverein nur ausnahmsweise geduldet, lieber arbeitete Palm mit begnadeten Laien wie Tex Rubinowitz oder eben Hermes Phettberg. Brecht war für den Sparverein kein Thema. Einzige Ausnahme: ein Soloabend mit erotischen Gedichten des Meisters, den der Sparverein 1990 in New York (!) zeigte. Es war das englischsprachige Remake einer Produktion namens "Im Mund noch den Geschmack des andern Manns", die Palm 1988 - kurz vor Gründung des Sparvereins - im Moulin Rouge inszeniert hatte. Das von Tex Rubinowitz gestaltete Plakat, auf dem ein nackter Frauentorso zu sehen war, sorgte bei Voraufführungen in Salzburg für einen Eklat: "Bei der Premiere hatten Feministinnen ein Verbot des Plakats gefordert", berichtete der Falter damals, "eine Diskussion musste vor Beginn veranstaltet werden und Regisseur Palm verließ, von einer Zitrone beworfen, fluchtartig den Raum."

Wolfgang Kralicek in FALTER 40/2006



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