Narrenwinter

Alfred Komarek


Kein Ersatz für Polt

"Narrenwinter" ist Alfred Komareks dritter Ausseer-Land-Roman. Im Weinviertel war's besser.

Daniel Käfer, ehemals gefeierter Chefredakteur eines Magazins für Intelligente, ist arbeitslos. Das ist er schon seit drei Büchern – ohne dabei materielle Not zu leiden. Käfer dient Alfred Komarek wie dessen Vorgänger Simon Polt als Mittel zum Zweck, um eine bestimmte Landschaft und deren Bewohnerinnen und Bewohner zu porträtieren. Das ist Komarek mit dem nördlichen Weinviertel hervorragend gelungen. Selten hat man atmosphärisch so dichte und charmante Krimis wie die mit dem eigenbrötlerischen Gendarmen Polt gelesen. Der Krimi als geglückter Heimatroman oder der Heimatroman als geglückter Krimi.
Doch nach vier Polt-Büchern war Schluss. Komarek suchte sich einen neuen Helden, kehrte ins Ausseer Land, wo er 1945 geboren wurde, zurück und schreibt nun, tja, was sind diese Käfer-Romane? Heimatromane ohne Tote? Auf alle Fälle keine Krimis. Der Erstling "Die Villen der Frau Hürsch" (2004) war noch als Gesellschaftsroman getarnte Heimatkunde, "Die Schattenuhr" (2005) dann nur noch fade Heimatkunde mit einer künstlich aufgepfropften Story.
"Narrenwinter" nun stellt immerhin eine Verbesserung dar. Die referierte Heimatkunde über das Ausseer Land beschränkt sich auf ein paar knappe Einsprengsel, dafür nimmt diesmal die Beziehung zwischen Daniel Käfer und seiner Freundin Sabine großen Raum ein. Das Problem: Sabine ist genauso liebenswürdig burschikos wie einst Polts Freundin Karin. Und die meisten männlichen Figuren gerieren sich als Großrhetoriker. Das liest sich ganz witzig, wirkt aber auf die Dauer penetrant. Und die Figuren werden austauschbar.

Gott sei Dank ist wenigstens Daniel Käfer eine mindestens so sympathische Figur wie Simon Polt und kein Abziehbild. Diesmal gerät er an einen großspurigen Medienberater, der ihm einen tollen Job bei einem Hamburger Medienkonzern verspricht. Der misstrauische Käfer holt sich einen versoffenen, aber erfahrenen Journalisten aus Deutschland zu Hilfe, verliert jedoch seine Karrierepläne im Ausseer Fasching aus den Augen.
Der ist nämlich das eigentliche Thema von "Narrenwinter". Damit das Buch nicht zur drögen anthropologischen Studie des Narrentreibens im Salzkammergut verkommt, raunen einige Einheimische von dunklen Geheimnissen, die am Aschermittwoch gelüftet würden, was aber auch keine rechte Spannung aufkommen lässt.
Lustiger sind da schon die Allüren Daniel Käfers, wie er seine Ente zu Schrott fährt und mit allen Frauen anbändelt, auch weil ihn seine spröde Sabine nicht vom Fleck weg heiraten will. Alles sehr charmant formuliert, dennoch vermisst man schmerzlich diesen existenziellen Unterton der Polt-Romane. Eine Verfilmung möchte man sich lieber nicht vorstellen. Es würde wohl auf so was wie den "Winzerkönig" hinauslaufen. Nur ohne Winzer. Krassnitzer als Käfer würde aber auf alle Fälle sehr gut passen.

Thomas Askan Vierich in FALTER 40/2006



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