Hexenwahn. Schicksale und Hintergründe. Die Tiroler Hexenprozesse

Hansjörg Rabanser


Tiroler Inquisitionen

Hansjörg Rabanser hat ein entmythisierendes Werk über die Hexenverbrennungen in Tirol vorgelegt.

Die Anklage: Gotteslästerung, Hostienschändung, Paktieren mit dem Satan. Das Urteil: Enthauptung und Verbrennung der Leiche. Verhandelt vor den Landgerichten Kufstein und Innsbruck vom Mai 1719 bis zum August 1722. Der nach aktuellem Forschungsstand letzten Hexenverbrennung in Tirol war ein sich über drei Jahre erstreckendes Verfahren vorausgegangen. Entgegen dem Klischee hatte die Inquisition also nicht kurzen Prozess mit dem der schwarzen Magie bezichtigten Delinquenten gemacht. Auch saß keine rothaarige Frau auf der Anklagebank: Der letzte Scheiterhaufen Tirols galt einem Kind, dem "Zauberbuben" Sebastian Auracher aus der Nähe von Kufstein.

Über das dunkelste Kapitel der Tiroler Kirchengeschichte - die im15. Jahrhundert einsetzende Praxis, aus vorchristlichen Zeiten überlieferte Riten aus dem Volksglauben zu tilgen - wurden bereits etliche Bücher publiziert. Dennoch fehlte bislang eine Gesamtdarstellung, die nun mit "Hexenwahn" von Hansjörg Rabanser vorliegt. Die Recherchen des Volkskundlers förderten zudem noch viel Neues zutage: Ging man bisher von sechzig Prozessen aus, die im heutigen Nord-, Süd-und Osttirol wegen Hexerei geführt wurden, so sind nun 242 Verfahren nachgewiesen und dokumentiert.

Aufwühlend sind die Ergebnisse von Rabansers Standardwerk vor allem für jene, die die reale Inquisition mit dem verwechseln, was die ideologisierte Ausschlachtung im Dienst von Feminismus und Esoterik aus den historischen Fakten gemacht hat. Weder war Tirol stärker betroffen als andere Regionen, noch konzentrierte sich die Kirche auf Frauen, noch war es ihr Ziel, das geheime Wissen der Volksmediziner auszulöschen, solange sie sich nicht in Konkurrenz zur klerikalen Seelsorge stellten.

Der blutige Feldzug der Kirche folgt einer Logik, die so krude ist, dass sich der Fingerzeig auf Hinrichtungen im Namen Christi als untauglich erweist. Die reformatorischen Bewegungen der frühen Neuzeit zwangen die katholische Kirche, den weltlichen Herrschern den Nachweis der einzigen legitimen Institution in der Nachfolge Jesu zu erbringen, um einen Machtverlust zu verhindern. Theologen erarbeiteten nicht nur neue Gesetzeswerke, in denen der einzig wahre Glaube bis ins kleinste Detail geregelt wurde. Sie verlangten jetzt auch, dass ein Verstoß hart sanktioniert wurde.

Wo die Gesetze des einzigen wahren Glaubens mit seit Jahrhunderten praktizierten Riten des Volksglaubens kollidierten, wurde Anklage erhoben. Welche Riten und Verhaltensweisen als Hexerei deklariert wurden, wirkt aus heutiger Sicht wie die pure Willkür. Spektakulär ist also nur die Härte, mit der selbst gegen Kinder vorgegangen wurde - die man immerhin vor der Folter verschonte.

Martin Droschke in FALTER 40/2006



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