Erbin des verlorenen Landes

Kiran Desai, Robin Detje


Trollope in Kalimpong

Kiran Desais komplexer Roman "Erbin des verlorenen Landes" konfrontiert eine junge Frau mit ihren eigenen sozialen Vorurteilen.

Sieben Jahre hat die 35-jährige, in Indien geborene Autorin Kiran Desai an ihrem zweiten Roman "Erbin des verlorenen Landes" gearbeitet, der jetzt fast gleichzeitig mit der englischen Ausgabe ("The Inheritance of Loss") auf Deutsch erschienen ist. Diese zumindest für den heutigen Literaturbetrieb lange Zeit hat nicht nur in diesem Fall mit vielfachem Erwartungsdruck zu tun: Desais Erstling wurde hochgelobt und war, noch vor seinem Erscheinen, in "Mirrorwork" vertreten, Salman Rushdies Anthologie indischer Literatur der Jahre 1947 bis 1997. Die Mühen der langen Arbeit sind aber auch dem großen und schwierigen Thema des neuen Romans geschuldet, der sich einem wahrhaft kosmopolitischen Thema stellt: der Erfahrung des Exils im eigenen wie im fremden Land.
Mit den Konventionen des Familien- bzw. Generationenromans, mit mehrfach gegeneinander versetzten Handlungs- und Zeitebenen, mit dem Wechsel der Figurenperspektive und dem bald sarkastischen, bald auch melancholischen Erzählton versucht Desai diese Lebenserfahrung zwischen Osten und Westen, in Indien und in den USA, darzustellen. Die Anwendung kunstvoller Techniken der Spiegelung von Generationen, Lebenswelten, Herrschaftsformen und Identitätstechniken erzeugen jedoch keinen akademischen Schrebergarten des Postkolonialismus mit allen exotischen Früchten der "Hybridität" (die Desai keineswegs verschmäht), sondern ebenso düstere wie differenzierte Ansichten eines Prozesses der Globalisierung, der unbestechlich als Fortsetzung der kolonialen Herrschaft – Chancen für Wenige, Elend und Entfremdung für Viele – beschrieben wird.
Schauplatz des Romans ist vor allem die Stadt Kalimpong, "hoch im Nordosten des Himalaja". Die Einwohner der indischen Provinz sind mehrheitlich Nepalesen, die seinerzeit als Arbeitskräfte auf die englischen Teeplantagen geholt worden waren. Jetzt, Mitte der Achtzigerjahre, kurz nach dem Tod Indira Gandhis, erhebt sich eine nationale Befreiungsbewegung, die regionale Autonomie oder gar einen eigenen Staat für die exilierten und pauperisierten Nepalesen fordert. Plündernd und Schrecken verbreitend fallen sie auch in das Haus des Richters Jemubhai "Jemu" Patel und in dessen anglophile Nachbarschaft ein. Überfallsartig beginnt somit der Roman, der sich aber in nachholendem Erzählen bemüht, die Vorgeschichte aufzufächern und Komplexität auf Kosten eines einfachen Plots (bzw. politischen Komplotts) zu erreichen.
Weil der Autorin Selbstironie und Humor nicht fremd sind, lässt sie an einer Stelle die belesene und hochbetagte Nachbarin Lola, die sich den viktorianischen Romanautor Trollope fürs Alter aufgehoben hat, um dann in den "vollkommenen Genuss der Langsamkeit" zu kommen, die Erfüllung zuteilwerden: "Jetzt liebe ich die altmodischen Bücher. Nicht das neumodische Zeug ohne Anfang, ohne Höhepunkt, ohne Ende, alles bloß ein (...) frei flottierender Plasmastrom." Das ist nicht nur Ironisierung eines vormodernen ästhetischen Codes und somit Charakterisierung der historisch wie lokal deplatzierten anglophilen Nachbarin; es bezeichnet trotz allem ein unabgegoltenes Bedürfnis und indirekt den Roman, in dem das zu lesen ist. Dieser wird freilich nicht müde zu zeigen, dass es weder privat noch national "nur eine Geschichte" gab, die alles zu fassen vermag.
Diese traurige Erfahrung muss die junge Sai Mistry machen, die nach dem Tod ihrer Eltern als Vollwaise im feuchten, zerbröselnden Haus des verbitterten Richters lebt, der zugleich ihr Großvater ist. (Sais Lieblingslektüre ist übrigens "Sturmhöhe" von Emily Brontë). Der Richter, dessen emotionales Leben buchstäblich auf den Hund (namens Mutt) gekommen ist, kann sich nur unter körperlichen Schmerzen an die rassistischen Demütigungen erinnern, denen er als Student im kolonialistischen England der Dreißiger- und Vierzigerjahre ausgesetzt war, wo er die für ihn irritierende Erfahrung machen musste, dass es auch im Land der Kolonialmacht Armut gibt. Nach Indien zurückgekehrt, huldigte er einer Anglophilie auf Kosten seiner armen Landsleute, die er mit Verachtung strafte, allen voran seine indische Frau.
Sais Liebe zu ihrem nepalesischen Nachhilfelehrer Gyan, der über seine ärmliche Herkunft nicht sprechen kann, wird enttäuscht: Er wird zum Verräter, der sich der Befreiungsbewegung anschließt, ohne zu wissen, wie ihm wirklich geschieht. Die Suche nach Gyan in den Elendsvierteln von Kalimpong wird für Sai zur Erfahrung ihrer eigenen sozialen Vorurteile und Ahnungslosigkeit.

Sais Verbündeter im Haus des Großvaters ist der – fast immer – namenlos bleibende Koch, der seinen Hunger nach Modernität ganz auf seinen Sohn Biju konzentriert. Vom Vater dazu erzogen, das Land zu verlassen, lebt und arbeitet Biju als illegaler Immigrant unter den unwürdigsten Verhältnissen in New York. Die mehrfach gestörte briefliche wie telefonische Kommunikation mit seinem deklassierten Vater ist eins der vielen Fremdheits- und Entfremdungszeichen in diesem Roman. Am Ende steht Biju, wie Gyan ein Verfechter der Reinheit, buchstäblich ohne alles da. Die gegen den Willen des Vaters unternommene Heimkehr nach Indien endet im Debakel: "Er kam mit weniger aus Amerika zurück, als er jemals besessen hatte." Der Roman lässt die Wiederbegegnung von Vater und Sohn nicht als emotionale Erpressung des Lesers stehen, sondern setzt dem, durch Sai, ein "Fitzelchen Kraft" und "Entschlossenheit" entgegen: "Sie musste fort." Allerdings ist auch dieses Weggehen kein bloßes, leeres Zeichen. Denn schließlich kehrte Biju Amerika den Rücken, um der "überbewerteten Vorstellung" zu entkommen, "dass man sein Schicksal selbst in der Hand hatte."
Ein Roman, der so pointiert Heimkehr und Aufbruch entgegensetzt, läuft Gefahr, es sich in der Ambivalenz oder im Mitleid bequem zu machen. Es spricht für den literarischen wie politischen Takt dieser jungen Autorin, dass sie das Pittoreske der Armut als touristischen Wahrnehmungseffekt diskreditiert und die Scheinüberlegenheit des unverbindlichen westlichen Liberalismus persifliert, gerade auch dort, wo er sich als "Postkolonialismus" besonders fortschrittlich dünkt.

Karl Wagner in FALTER 40/2006



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