Alk. Fast ein medizinisches Sachbuch

Simon Borowiak


Das Feinste und Beste

Zwei neue Bücher informieren über Geschichte, Genuss und mögliche Nebenwirkungen von Alkohol.

Nach der Lektüre wird nichts mehr so sein, wie es früher war." Peter Kruck beginnt sein Buch "Alcohol. Alles, was Sie darüber wissen sollten" gleich einmal mit einer starken Ansage. Die Begründung: Der Erwerb und Aufbau von Wissen sei nämlich ein irreversibler Prozess. Sollte dem Leser am Ende vor lauter Wissen gar die Lust aufs Trinken vergehen? Freilich: Das Schlimme am Alkohol oder anderen Drogen ist, dass auch das gründlichste Wissen um ihre fatalen Wirkungen kaum davon abhält, sie zu konsumieren.

Peter Kruck ist von Beruf Marktforscher und liefert vor allem Fakten zum Thema: von der chemischen Summenformel über den Energiegehalt oder den Gärungsprozess bis zum Branntweinmonopol. Darunter auch wenig bekannte Informationen: Hätten Sie zum Beispiel gewusst, dass das Wort vom arabischen "alkhul" stammt, was so viel wie das Feinste oder Beste bedeutet? Mit derlei Wissen lässt sich bestimmt der nächste Stammtisch unterhalten.

Auch die Geschichte des Alkoholkonsums und seine kulturellen und religiösen Hintergründe langweilen nicht: So erfährt man, dass Alkohol eigentlich ein Zufallsprodukt und vermutlich seit der Steinzeit in Gebrauch ist. Vom Mittelalter bis zum 16. Jahrhundert war "Trinken bis zum Umfallen" für alle selbstverständlich, egal, ob Adelige oder Gemeine, Männer oder Frauen. Der Nebeneffekt der Desinfizierung von Wasser war mitunter lebensrettend. Erst seit Beginn der Neuzeit werden auch die schädlichen Seiten der Droge thematisiert.

Das Grundproblem von Krucks Darstellung liegt in der häppchenartigen Aufbereitung des Themas. Hier hat jemand alle möglichen Informationen zusammengetragen, aneinandergereiht und durch Kapitelüberschriften getrennt. Von allem etwas, nichts wirklich. Und selbst im Kapitel über den Alkoholismus und seine Folgen wird man mit einem Sammelsurium an beiläufig anmutenden Fakten abgespeist.

Will man wirklich etwas über körperliche Wirkungen und Alkoholsucht erfahren, empfiehlt sich Simon Borowiaks autobiografisch grundiertes Buch "ALK. Fast ein medizinisches Sachbuch". Einzig seine Flapsigkeit ist etwas gewöhnungsbedürftig, die zum einen wohl daher rührt, dass der Autor - damals noch unter dem Vornamen Simone - jahrelang Redakteur der Satirezeitschrift "Titanic" war. Zum anderen wollte Borowiak dem nicht wirklich lustigen Thema so wohl seine Tragik nehmen.

Auch bei Borowiak werden geschichtliche und religiöse Hintergründe kurz abgehandelt. Der Schwerpunkt liegt jedoch eindeutig woanders: Das ist ein Buch über Alkoholismus! Es erklärt, wie Alkohol auf allen Ebenen verstoffwechselt wird oder welche Alkoholiker-Tests und Trinker-Skalen es gibt. In allen Details werden die körperlichen Wirkungen beschrieben: dass ein Rausch dem Gefühl der Verliebtheit gleicht, wie die Leber Alkohol abbaut und welche Enzyme dafür verantwortlich sind, dass bestimmte Trinktoleranzen nie wieder abgebaut werden, selbst bei trockenen Alkoholikern.

Aber auch die psychische Seite kommt nicht zu kurz. "Süchtiges Verhalten kann ein jeder von uns entwickeln", denn jeder wiederhole gern, was ihm Wohlbefinden bereitet. Zum Glück mutiert nicht jedes süchtige Verhalten zur Sucht. Dies sei abhängig von der individuellen biologischen Ausstattung, der Sozialisation und der Psyche. Man merkt, der Mann weiß, wovon er spricht. Deshalb gehören die Abschnitte über die Alkoholsucht - trotz aller Ironie - zum Interessantesten, was man über dieses Thema lesen kann. Und so ist zumindest nach der Lektüre dieses Alkoholbuchs nichts mehr ganz so wie früher.

Eva Obermüller in FALTER 40/2006



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