Wörter machen Leute. Gesellschaft und Sprachen im Europa der frühen Neuzeit

Peter Burke


"Ich ziehe die Vermischung vor"

Wieder ein großer Wurf. Peter Burke beschäftigt sich in seinem 23. Buch mit den Sprachen im Europa der frühen Neuzeit. Eine Begegnung mit dem polyglotten englischen
Sozial- und Kulturhistoriker.

Letzten Monat gesellte sich "Wörter machen Leute" dazu. Von Peter Burke stehen nun elf Bücher in meinem Regal. Von keinem anderen Sachbuchautor besitze ich auch nur annähernd so viele Werke. Die meisten meiner Bücher habe ich, wenn ich ehrlich bin, nicht gelesen, von Burke fast alle. Was zeichnet ihn aus? 1992 hätte ich es fast schon einmal zu einem Vortrag von ihm geschafft, aber dann wollte keiner meiner Kommilitonen in die lediglich 150 Kilometer benachbarte Stadt mitfahren.
Eine Stunde vor seinem Wiener Vortrag über sein neues Buch bin ich endlich am Ziel. Es ist im Übrigen sein 23. Übersetzt sind seine Arbeiten in insgesamt 28 Sprachen. In einem riesigen Zimmer im Institut für die Wissenschaft vom Menschen nehmen wir zum Interview auf einer dunklen Couch Platz. Charismatiker ist Burke keiner, aber ein überaus höflicher, etwas schmächtiger Gentleman – ein typischer homo Cambridgiensis eben. Nächstes Jahr wird der Emeritus des Emmanuel Colleges siebzig.
Seine Großeltern väterlicherseits kommen aus Irland, mütterlicherseits aus Russland und Polen. So wuchs er mit einem katholischen Vater und einer jüdischen Mutter im protestantischen England auf. Eine zentrale Problemstellung in Burkes Werk hat somit auch eine biografische Grundierung, nämlich die, ob es so etwas wie eine europäische Geschichte, eine gemeinsame Kultur gibt. Und auch in der Frage der Sprache, dem Thema seines neuen Buchs, ist er familiär vorbelastet.
Burkes Vater war Übersetzer und machte Sprachenlernen zu seinem Hobby. Seine Frau lernte er bei einem Deutschkurs kennen. Als er später Buchhändler wurde, lernte er Chinesisch und Japanisch, um Drucke in diesen Sprachen verkaufen zu können. Auch sein Sohn wollte zu Beginn seines Studiums Chinesisch lernen, aber man beschied ihm, dass ihn das sein Stipendium kosten würde. Seit den Sechzigerjahren habe er dann aber begonnen, viele Sprachen zu lernen.
"Damals wäre ich fast verrückt geworden", erinnert sich der Historiker im Falter-Interview: "Ich dachte, ich werde bald dreißig und nie in der Lage sein, diese Sprachen zu lernen, wenn nicht jetzt. Ich kann manche Sprachen lesen, die ich weder sprechen noch schreiben kann, die germanischen etwa, außer Isländisch. Bei anderen Sprachen muss ich mich auf das verlassen, was andere Forscher sagen." Er weist darauf hin, dass es in Europa mindestens vierzig bis fünfzig Sprachen gebe, bei einer weiteren Definition sechzig bis siebzig, "und ich kann nur zehn Prozent".
Man kann Burke also guten Gewissens als polyglott bezeichnen. Und er ist einer, der sich auch in Mittel- und Osteuropa auskennt, wohin er seit den Sechzigerjahren regelmäßig reist: "Ungarisch und Polnisch habe ich nie flüssig gelesen, aber ich begriff ungefähr, was in einem bestimmten Absatz gesagt wurde. Zur Sicherheit habe ich Freunde gefragt, ob ich das richtig verstanden hatte. Ich werde mich auch nicht in Prag verirren, weil ich so tue, als ob Tschechisch Polnisch mit einer lustigen Schreibweise ist. Ich weiß, was Ein- und Ausgang, Bier und Wein heißt, wichtige Dinge eben."
Burkes informierter und interessierter Blick für Osteuropa macht ihn zu einem echten Europäer. Aber als überzeugter Entgrenzer macht er nicht am Ural halt. In seinen Büchern zieht er immer wieder auch Vergleiche mit ostasiatischen oder südamerikanischen Kulturen. Zahlreiche Gastdozenturen führten Burke nicht nur in die meisten Länder Europas, sondern auch nach Brasilien Indien und Japan. Verheiratet ist er im Übrigen mit einer brasilianischen Historikerin.
Burke ist aber nicht nur geografisch, sondern auch methodisch immer auf der Suche. Fündig würde er dabei bei der Ethnologie und den Sozialwissenschaften. Auch hier gibt es eine biografische Spur. Bevor er sein Studium in Oxford aufnahm, absolvierte er seinen Wehrdienst in Singapur, das Mitte der Fünfzigerjahre noch britische Kolonie war. Er war zuständig für die Lohnauszahlung an das einheimische Personal und beobachtete fasziniert den Völkermix aus Malayen, Indern und Chinesen. "Ohne es zu wissen, betrieb ich so etwas wie Feldstudien", meint er im Interview mit typischem Understatement. Das Wort Ethnologie habe er mit 21 zum ersten Mal gehört. Kurzfristig überlegte er gar, dieses Fach zu studieren.

Aber statt nach Südostasien reiste er in die frühe Neuzeit. Burkes exotische Stämme sind die Gaukler und Narren der italienischen Renaissance und der Hof Ludwigs XIV. in Versailles. Volks- und Elitenkulturen befragt er gleichermaßen auf ihre Riten und Inszenierungen. Einmal nahm Burke sich auch die eigenen Standesgenossen vor, nachdem er 1979 von der lockeren Uni in Sussex ins altmodische Cambridge wechselte. Die eigenartigen Gebräuche publizierte er im Artikel "Notes towards the ethnography of a Cambridge college" unter dem Namen von William Dell, eines radikalen Puritaners aus dem 17. Jahrhundert.
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hatte ihn aufgefordert, seine Beobachtungen zu Papier zu bringen. Bourdieu war einer der wichtigsten Anreger für Burkes Werk. Aber als überzeugter Eklektiker bedient Burke sich bei einer ganzen Reihe von Denkern, von Michel Foucault bis Norbert Elias, und bewegt sich sicher zwischen Kulturgeschichte, Sozialgeschichte und historischer Anthropologie. Das ist in aller Regel keine leichte Kost. Burke ist da eine Ausnahme. Dabei drückt er sich keineswegs vor derTheorie, im Gegenteil. Mit dem feinen Unterschiedallerdings dass, wenn Konzepte von Bourdieu, Foucault und Co bei ihm auftauchen, versteht man, was damit gemeint ist.
Oberflächlich betrachtet wirken seine mehr als zwanzig Bücher mitunter wie eine Aneinanderreihung von Quellenbelegen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man bald das kunstvolle und wohldosierte Arrangement, so auch in "Wörter machen Leute": Burke zieht darin die Stücke Shakespeares und Racines genauso heran wie die Grammatiken und Sprachlehren dieser Zeit, die Tischreden Luthers und die Satiren des polnischen Adligen Krzysztof Opalinski.
Peter Burkes Stil ist leichtfüßig und von luzider Lakonie. Beeindruckend, wie er Belege aus allen Ecken Europas zusammenwebt. Der Text fließt elegant dahin und verdeckt geschickt die Kärrnerarbeit des Zusammentragens. Nie, oder sagen wir fast nie, gerät diese Montage zur Zitatenhuberei. Burke betreibt Geschichtsschreibung als polyphone Komposition. Enzyklopädisches Wissen meets Fähigkeit zur Synthese.

Auch in seinem neuen Buch behält er den Überblick und arbeitet trotz aller Unterschiede der jeweiligen Kulturen gemeinsame Tendenzen heraus. Im Grunde sei "Wörter machen Leute" der dritte Teil einer europäischen Trilogie, von der er nie dachte, dass er sie schreiben würde, sagt Burke und setzt sein neuestes Buch in direkten, – auch geografischen – Bezug zu zwei älteren Büchern: ",Popular Culture in Early Modern Europe' von 1978 reicht von Galway an der irischen Westküste bis zum Ural. Ich will keine engere Definition von Europa verwenden, ich will den ganzen Kontinent sehen. ,The European Renaissance' von 1980 war aus empirischen Gründen begrenzter, also Ungarn ja, Rumänien nein."
In "Gesellschaft und Sprachen im Europa der Frühen Neuzeit", so der Untertitel, erkennt er vier aufeinanderfolgende Stufen: die Dominanz des Latein, der Aufstieg der Volkssprachen, die Vermischung derselben und die Reinigungsbewegung. Burke erzählt freilich keine lineare Geschichte, betont vielmehr die Ungleichzeitigkeiten und sieht zentrifugale und zentripetale Kräfte gleichermaßen am Werk. Vereinheitlichung und Diversifizierung von Sprachen laufen parallel. Zwar gibt es mit dem Toskanischen eines Dante schon sehr früh so etwas wie eine italienische Hoch- oder Standardsprache. Aber als Italien 1861, ein halbes Jahrtausend später, eine Nation wird, sprechen diese gerade mal drei Prozent der Bevölkerung.
Die Volkssprachen blühen nicht nur auf, manche sterben auch aus, wie das Kornische, das vom Englischen verdrängt wird; oder das Dalmatinische, das dem Südslawischen zum Opfer fällt. Burke vermittelt dem Leser ein Gespür dafür, wie eine Sprache im Strom der Geschichte mäandert, wie Sprachpfleger versuchen, ihr ein neues Bett zu graben, während es gleichzeitig Zuflüsse aus anderen Sprachen gibt. An Beispielen dafür mangelt es ihm auch im Interview nicht: "Wallensteins Briefe sind voller spanischer, italienischer und lateinischer Begriffe, weil es die entsprechenden Abstrakta auf Deutsch nicht gab. Dass es dem Deutschen an abstraktem philosophischem Vokabular mangelte, mag seltsam klingen, aber das wurde erst im 18. Jahrhundert durch Leibniz, Wolff und dann natürlich Kant geschaffen."
Den Menschen sei bewusst gewesen, dass sich die Sprachen vermischen. Schon der Philosoph Leibniz habe darauf hingewiesen, dass eine Sprache neue Wörter brauche, um etwa auf dem Gebiet der Technik nicht zurückzufallen. Und gelegentlich sei es auch zu einer Vermischung aus Spaß gekommen. Burkes Lieblingsbeispiel: "Ein Meister dieser sogenannten Makkaroni-Sprache war Orlando di Lasso, ein in Flamen geborener Komponist. Er wuchs frankophon auf, lernte dann Latein und Italienisch und erhielt schließlich eine Stelle beim Herzog von Bayern. Di Lasso komponierte Kirchenmusik auf Latein, Chansons auf Französisch, Lieder und Madrigale auf Italienisch. Dem Herzog schrieb er Briefe, in denen er drei oder vier Sprachen vermischte, oft in einem Satz."

Das erinnert mich an jenen Mönch aus Ecos "Name der Rose", der in allen Sprachen radebricht, dessen Name mir aber nicht einfällt. "Ja, wie Salvatore", platzt es aus Burke heraus: "Ich identifiziere mich fast mit ihm. Weil ich alle romanischen Sprachen gelernt habe, Italienisch und Portugiesisch ziemlich gut, finde ich es sehr schwierig, sie auseinanderzuhalten. Ich kann keine fünf Minuten sprechen, ohne dass mir eine andere dazwischenkommt. Aber Salvatore konnte nichts dagegen tun, di Lasso tat es absichtlich."
All diese Vermischungstendenzen riefen bereits im 17. und 18. Jahrhundert die Puristen auf den Plan. "Es gab schon damals eine Art linguistischer Xenophobie, aber das ist kein moderner Nationalismus", differenziert Burke, "dass die erste Loyalität der Bürger der Nation gilt, wird erst im 19. Jahrhundert internalisiert."
Burke lässt sein Buch folgerichtig mit 1789 enden. In der frühen Neuzeit waren derartige Sprachdebatten eine Angelegenheit der Oberschicht. Sprache war vor allem auch ein Mittel der sozialen Distinktion. Mit der Französischen Revolution gibt es zum ersten Mal so etwas wie "Sprachpolitik": Okzitanisch, Bretonisch und Elsässisch werden unterdrückt. Erst jetzt gehen Nation und Sprache Hand in Hand. Burke macht hier ein Konzept von Mary Douglas für die Sprachgeschichte fruchtbar. In ihrem Buch "Purity and Danger" von 1966 zeigte die britische Anthropologin, dass die Beschäftigung mit Reinheit fast immer die Reaktion auf die Furcht vor einer Bedrohung ist.
"Im Falle der Sprache wäre das die Furcht vor dem Einfluss fremder Wörter, der Übernahme der eigenen Sprache durch Ausländer. Im 19. Jahrhundert hieß der Bahnsteig zunächst auch im Deutschen Perron, bevor dann die Sprachreiniger zuschlugen. Das ist aber nur in Einzelfällen geglückt, und das ist sehr gut so. Zwar muss man als Historiker lernen mit den Befürchtungen dieser Menschen zu sympathisieren, aber ich ziehe die Vermischung vor. Für mich ist das keine Verunreinigung, sondern eine Bereicherung."

Oliver Hochadel in FALTER 40/2006



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