Das falsche Spiel des Fischers. Maresciallo Bonanno sucht nach Regeln

Roberto Mistretta, Katharina Schmidt


Rund ums Mittelmeer

Gemütlich zu geht's beim Morden nur auf Sizilien – in Israel und Algerien herrscht auch politisch angespannte Stimmung.

Auf dem Mistplatz von Villabosco nahe Agrigent in Sizilien wird die Leiche eines Fischgroßhändlers mit eingeschlagenem Schädel gefunden. Kein schöner Anblick für Maresciallo Bonanno, der ständig mit seinem Gewicht und dem Fahrstil seines Assistenten zu kämpfen hat. Der Mordfall kommt ihm darüber hinaus auch ungelegen, weil er der halbwüchsigen Tochter Urlaub am Meer versprochen hat. Daraus wird jetzt wohl nichts werden. Das größte Unglück für den Carabiniere bleibt aber, dass er am besten nachdenken kann, wenn er isst oder raucht, diese Kombination ist bekanntlich keine gute Voraussetzung, um abzunehmen.
Obwohl Roberto Mistretta mit "Das falsche Spiel des Fischers" einen geradlinigen Fall konstruiert, muss sein Maresciallo doch einigen verwirrenden Hinweisen nachgehen. Hing der Tote dem verbotenen Glücksspiel nach und hatte einmal zu oft verloren (oder gewonnen)? Mit den Söhnen sprach er schon seit Jahren kaum ein Wort, und er betrog seine Frau. Trotz rasanter Autofahrten erzählt Mistretta recht gemächlich, den Wechsel vom Kinderbuch ins doch etwas härtere Genre der Kriminalromane meistert er dabei ziemlich souverän. Das breite Sizilianisch spürt man auch in der Übersetzung von Katharina Schmidt, und animiert vom ständigen Eiskonsum Bonannos sehnt man sich nach der Sonneninsel.

Aufs Erste sieht Tirzas Tod wie ein grässlicher Unfall aus. Die Marmorsäule in der Kulisse hat ihr den Kopf zerschmettert. Cohen wiederum scheint zu viel von seinem Digitalis erwischt zu haben, er stirbt während einer Einvernahme durch einen sogenannten Erinnerungsspezialisten im Hauptkommissariat von Jerusalem. Spätestens nach dem dritten Toten beim Staatsfernsehen bleibt jedoch keinen Zweifel mehr daran, dass Inspektor Ochajon von der israelischen Polizei in einer Mordserie ermitteln muss.
In Batya Gurs "Und Feuer fiel vom Himmel" scheint ein enormer seelischer Druck auf allen zu lasten, der jederzeit zur Explosion führen kann – "in einer Art von routiniertem Irrsinn". Dabei kommen die Schwierigkeiten mit den arabischen Bewohnern des Heiligen Landes nur ganz am Rande zur Sprache. Die Israelis haben an ihren eigenen Problemen miteinander schon genug zu tragen, sie lernen, "über immer größere Dinge zu schweigen". So entsteht das eindrückliche Bild einer paranoiden Gesellschaft, in der es um nichts ruhiger zugeht als in der hektischen Welt der Nachrichtenstudios.

Von seinem Geburtsland erzählt auch der unter dem Pseudonym Yasmina Khadra schreibende und seit 2001 im französischen Exil lebende Mohammed Moulessehoul, ehemals Offizier der algerischen Armee. "Nacht über Algier" spielt im Jahre 1988, in dem nordafrikanischen Staat herrscht noch relativ unangefochten das Einparteienregime der FLN. Aber auch nach der Novemberrevolution, die 1962 nach einem der blutigsten Kolonialkriege die Unabhängigkeit von Frankreich brachte, haben im neuen, gute Kontakte zur Sowjetunion unterhaltenden System Korruption und eine seltsame Form der Heldenverehrung Einzug gehalten.
Auch Kommissar Llob betrachtet stolz seine Vergangenheit im Freiheitskampf, doch er ist zum Zyniker geworden, sieht überall die aufgehaltenen Hände der Beamten, die Armut der Bevölkerung, den grassierenden Alkoholismus, das Elend seines einst prächtigen, nun herabgewirtschafteten Algiers. Gleichzeitig stößt er an die gläserne Decke, weil er sich selbst nicht in die Bestechungsmaschinerie einfügen will.
Schwierigkeiten bereitet ihm auch sein Untergebener Lino, der sich ausgerechnet mit der Geliebten eines schwerreichen unantastbaren Helden der Revolution einlässt. Als dessen Fahrer erschossen und Linos Waffe am Tatort gefunden wird, glaubt nur Llob an ein Komplott. Lino findet sich folgerichtig im Folterkeller der Staatspolizei wieder. Der Kommissar erhält unerwartet Hilfe von einer Historikerin, und zusammen decken sie Verbindungen des Bonzen auf, die tief an die Wurzeln des Mythos von der sauberen Revolution rühren. Die Erzählung vom mutigen Kommissar, der erkennen muss, dass er in eine Intrige verstrickt wurde, nährt ihre Spannung vor allem durch die Einsichten über einen Staat unmittelbar vor Ausbruch eines verheerenden Bürgerkriegs, auf den der Autor dann im Nachwort zu seinem Roman eingeht.
Mit seinem Ich-Erzähler Llob, der schon in mehreren Romanen in Algier und Umgebung ermittelte, hat sich Khadra sein Alter Ego geschaffen – einen unbestechlichen Beamten und einigermaßen frommen Moslem, der in seiner Freizeit Kriminalromane schreibt. Er registriert, dass sich einige Männer weigern, mit der (nicht verschleierten) Historikerin auch nur zu reden. An den hin und wieder auftauchenden sexistischen Anmerkungen hingegen stößt sich weder der Kommissar noch Yasmina Khadra.

Martin Lhotzky in FALTER 40/2006



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