Falsche Fragen

Kirstin Breitenfellner


Klare Antworten

Mit ihrem Roman "Falsche Fragen" wagt sich Kirstin Breitenfellner an die ganz großen Themen.

Auch während wir Bücher lesen, kommen wir dem Tod bedauerlicherweise ein Stückchen näher. Manche Autoren vermitteln ihren Lesern diese Erkenntnis unabsichtlich. Kirstin Breitenfellner zählt nicht zu diesen. Sie weiß genau, was sie tut.
Die Autorin schildert anhand der beiden Freundinnen Teresa und Maya zwei völlig konträre Versuche, dem Dasein Gestalt, Sinn und Zielrichtung zu geben. Maya scheint Gewissheit im Glauben gefunden zu haben. Teresa ist Skeptikerin und Agnostikerin, gibt sich aber trotzdem täglich amüsiert ihr Horoskop, ihren kleinen "daily Psychoinput". Dass es sich bei Mayas Glauben um einen ziemlich obskuren "Gipfelkult" handelt, eine Sekte, die auf Erlösung durch außerirdische "Boten des Lichts" per Ufo hofft, macht es für Teresa nicht gerade einfacher, sich ernsthaft mit Mayas Religiosität auseinanderzusetzen.
Maya folgt ihrem Mann Sower ins "Bergland", die Heimat des Gipfelkults, irgendwo am Fuße des Himalajas; Teresa, Kreativdirektorin einer Werbeagentur, hat derweil unverheiratet Spaß mit ihrem Freund Max, dem Lichtdesigner, und mag auf mannigfaltige sinnliche Genüsse nicht verzichten, was der Autorin Gelegenheit zu einigen schönen, poetischen Exkursen bietet: "Teresa öffnete die Schale der Kaper mit der Zunge, saugte die weißen, sanft platzenden Kerne heraus und stellte sich einen Strauch in den Tiefen des Meeres vor, voll von grünen Beeren, die an langen Stielen in der Strömung hin und her wogten."
Sehr gelungen auch eine Stelle, wo die Süße reifer Feigen besungen wird, "die ihr ganzes Aroma, ihr Wesen erst in dem Augenblick entfalten, in dem sie zu sterben beginnen. Teresa hatte das Gefühl, die Zeit zu schmecken, wenn sie in das blutrote, überweiche Faserfleisch biss." Manchmal beschleicht einen der Verdacht, dass die Autorin auch wunderbare Kochbücher schreiben könnte.
Auf ihrem Weg zur ersehnten Erkenntnis legt Teresa unschlüssige Boxenstopps bei der Kosmetikerin, im Fitnessstudio und im Delikatessenladen ein, dabei beobachtet sie sich selbst nicht ohne Selbstironie. ("Das Leben hat eine entschiedene Neigung zum Verfall.")

Eine auffällige Schwäche des Romans – ein wenig pikant im Hinblick auf seinen Titel ("Falsche Fragen") – hingegen besteht darin, dass es stilistisch heikel wird, sobald ein Fragezeichen auftaucht. Jedes Fragezeichen in diesem Text markiert eine Falltür ins Triviale ("Hatte nicht eben ein ferner Donner gegrollt?"). Die großen Fragen des Lebens, um die's hier ganz unbescheiden geht, sollten manchmal vielleicht besser zwischen den Zeilen auf den Leser lauern, doch diesen Kunstkniff traut sich die Autorin anscheinend selbst nicht ganz zu, deshalb geht sie lieber auf Nummer sicher, Methode schwarz auf weiß, was der literarischen Qualität stellenweise ein wenig abträglich ist.
Einmal stellt sich Teresa selbst die Frage: "Gibt es Fragen, die man nicht sinnvoll stellen kann?" – Möglicherweise. Aber man kann es wenigstens versuchen. Genau das tut die Autorin. Und im Großen und Ganzen schlägt sie sich so tapfer, klug und anmutig, dass man dem Versuch durchaus Respekt zollen kann.

Christina Dany in FALTER 40/2006



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