Strick, Badeanzug, Besamungsset. Nachruf auf die kleinbäuerliche Kultur

Bernhard Kathan


Die gute alte Zeit

Bernhard Kathan erklärt die kleinbäuerliche Kultur des Alpenraums für tot.

Eine Harnflasche brauchten jene Bettlägerigen, die für ihre Notdurft die Stube nicht mehr verlassen konnten; mit der Ferkelzange wurden dem Schweinebaby die Zähne abgezwickt. Und anhand eines gar nicht hübschen Exemplars einer Lourdesmadonna erklärt Bernhard Kathan deren besonderen Erfolg. Einst! Denn heute ist alles das im Verschwinden begriffen. An 57 weiteren Objekten vom Strick bis zum Hornschlitten macht der Autor den Untergang kleinbäuerlicher Kultur fest. Er fixiert die versinkenden Dinge noch für einen Moment - mit außergewöhnlich schönen Abbildungen und kurzen, literarisch angehauchten Texten.

Kathan beobachtet die "Traditionsvernichtung" nicht nur als Nostalgiker, sondern auch als Kulturwissenschaftler, wenn er etwa erklärt, dass in Vorarlberg zumindest türkische Familien noch einen Bohnenacker brauchen. Das Wann und Wo des Kleinbäuerlichen bleibt unklar. Die Bilder und Geschichten führen in eine diffuse Vergangenheit und irgendwo ins Alpine. Manches deutet an, dass es sich bei der Zeit um die Kindheit des Autors handelt ("erlebte ich die Schlachtung der letzten beiden Ziegen"). Die beredten Dinge werden assoziativ aneinandergereiht. Seinem Ansatz entsprechend beginnt Bernhard Kathan mit Objekten rund um Tod und Sterben - Strick, Totenvogel, Harnflasche, Sterbekreuz und Sterbebildchen -, um dann zu Vitalerem zu kommen: Bohnen, Katastralauszug oder dem Grenzstein.

Vor diesem "Nachruf auf die kleinbäuerliche Kultur" hat sich Kathan unter anderem mit Schwarzarbeit, Medizingeschichte und Pflege auseinandergesetzt. Im vorliegenden Buch gibt es zahlreiche Bezüge zu diesen früheren Arbeiten. Außerdem ist der Kulturhistoriker belesen und zitiert quer durch die Weltliteratur - von den alten Griechen bis Gottfried Keller und Henry David Thoreau. Irgendwie ist es aber nicht ganz stimmig, wenn das quasi öffentliche Sterben von Alten und Kranken in der bäuerlichen Stube mit Tolstoi beschrieben wird.

Es hat schon witzigere Bücher über Alltagskultur gegeben, aber Retten und Bewahren ist eben eine ernste Angelegenheit. Und obwohl das Dasein dereinst karg war, die Arbeit hart, das Heiraten strategisch und die Sitten rau, geht es trotzdem um "die gute alte Zeit". Auf welcher Basis Kathan die kleinbäuerliche Vergangenheit so verklären kann, ist schleierhaft. Die Zusammenhänge zwischen Objekt und Gedanken wirken manchmal gar bemüht, und mitunter sind die kleinen Essays zu banal. Jedenfalls - und das ist tröstlich - scheint noch nicht alles verloren: "Kürzlich sah ich einen Bauernburschen bei der Heuarbeit. Sein Bauchnabel war von einem üppigen Blumentattoo umrandet."

Nikola Langreiter in FALTER 40/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×