Flüsterlieder. Erzählung

Eugenie Kain


Langsamer Abschied

Eugenie Kain erzählt in "Flüsterlied" mit bösem Witz vom Bilderverlust im Angesicht des Todes

Mag sein, dass kurz, bevor man stirbt, das eigene Leben wie ein Film vor einem abrollt. Ungleich aufwendiger ist die Suche nach einem "Lebensfilm" allerdings für die Hinterbliebenen. Wie lässt sich ein fremdes Leben überhaupt rekonstruieren? Welche Bilder sind brauchbar? Wie viele Leerstellen bleiben sogar bei Menschen, von denen man meint, sie gut gekannt zu haben. Die Linzer Autorin Eugenie Kain, Jahrgang 1960, lässt in ihrer Erzählung "Flüsterlieder" eine Frau eine Nacht lang nach einem passenden Foto für die Todesanzeige ihres verstorbenen Mannes suchen. Sie kramt in der Kiste mit Urlaubsfotos und muss feststellen: "Ihr fehlten Bilder von dem, was war, und von dem, was kommen würde." Von ihrem Mann gibt es kaum Fotos, und für die Erinnerungsbilder, die in dieser Nacht auftauchen, müssen erst Worte gefunden werden.
Eugenie Kains Literatur besticht durch ihren lakonischen, glasklaren und unsentimental-nüchternen Tonfall: "Gestorben waren die anderen. Gestorben wurde viel." Seltsamerweise entsteht im Laufe der Geschichte das Gesamtbild eines Paares, das zumindest im Urlaub nicht gerade ideal zueinanderpasste: Ihm, dem Liedermacher und Abenteurer, war kein Gebirge zum Klettern zu hoch und keine Höhle zum Tauchen zu tief, sie hingegen ist ein Angsthase: "In engen Gängen bekomme ich Herzrasen, ich bin nicht schwindelfrei und im Finstern verliere ich die Orientierung." Man mag sich an dieser klassischen Rollenaufteilung stoßen, daran, dass nur der Lebensentwurf der Frau als brüchig beschrieben wird, während der Verstorbene doch relativ ungebrochen als aktiv dargestellt ist.

Das langsame Sterben des Mannes an Krebs ist ausgeklammert, die klug gewählte Erzählperspektive ist die des ersten Schocks: Zwischen Krankenbett des toten Mannes und Begräbnisvorbereitung. Es geht um die Suche nach einem Verlustgefühl und einer Trauer, die zu diesem Zeitpunkt noch sehr abstrakt ist. Ein fragiles Konstrukt, das genug Platz für Unvereinbarkeiten lässt. Zu den Stärken der kurzen, aber atmosphärisch dichten Erzählung gehört, dass Kain, die selbst in einer kommunistischen Familie aufgewachsen ist, mit wenigen Strichen scharfe Kontraste schafft, die voll bösem Witz sind: Während andere am Muttertag nette Ausflüge machten, ging es in der Familie der Erzählerin immer ins KZ nach Mauthausen zur Feier der Befreiung. Eines Tage meinte eine Mitschülerin interessiert: "Mauthausen, das wäre auch einmal eine Idee. Wo kann man dort gut essen?"

Karin Cerny in FALTER 40/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×